von Ing. Konrad Wutscher Dieser Beitrag
ist ein Auszug aus der Abschlussarbeit des Autors für die Ausbildung in Logotherapie und existenzanalytischer Beratung und Begleitung. Tod und Sterben war für mich die meiste Zeit meines Lebens ein abstraktes Thema.
Ich habe darüber zwar nachgedacht, gelesen und philosophiert, habe aber mein Fühlen und Spüren dazu kaum beachtet. Erst im Rahmen der logotherapeutischen Ausbildung habe ich mich dann auch emotional an dieses Thema anzunähern
versucht. Drei Erlebnisse waren mitbestimmend, um mich in der Sterbebegleitung in einem Hospiz zu engagieren. In der Ausbildung waren wir mit der Möglichkeit konfrontiert, als Berater, wenn notwendig,
einen Klienten an einen Psychotherapeuten abzugeben. Allen ist es sehr schwierig er- schienen, das zu bewerkstelligen. So auch mir und ich habe mich spontan geäußert: "Da gehe ich lieber in die Sterbebegleitung." Das war
locker gesagt und sollte witzig sein, dahinter steckte aber schon ein Anliegen. Wesentlich tiefer ließ ich mich auf das Thema "Sterben" ein, als wir an einem Ausbildungs- wochenende uns mit Unterstützung von
Karl Rühl mit der "tragischen Trias" (vgl. Frankl 1983, 236), zu der sich Leid, Schuld und Tod zusammenfügen, beschäftigten. Das Spüren der Dramatik dieser Begegnung lösten in mir Hilflosigkeit, Sprachlosigkeit und Angst
aus. Sie waren mein Thema und die Begleiter an diesem Wochenende. Damals ist mir auch bewusst geworden, dass ich das Sterben meines Vaters (+1978) durch Verdrängen hatte "bewältigen" wollen. Nun war nach
dieser langen Zeit wieder die Hilflosigkeit und das Nicht-wahrhaben-Wollen für mich zu spüren, mit dem ich den Tod meines Vaters erlebt hatte. Der Einsatz in der Sterbebegleitung, das Aushalten dieser letzten Lebensphase, ist so
für mich zu einer Art persönlichen Bewährung und Korrektur des vorher beschriebenen Verhaltens geworden. Den Mut für den Einsatz im Hospiz habe ich dann durch einen weiteren Impuls gefunden, als Rühl sagte, dass man
ganz einfach jene Orte aufsuchen soll, wo dieses Sterben ge- schieht, wenn man sich an das Sterben und den Tod annähern will. Ganz "einfach" beim Sterben dabeisein - das habe ich getan. Seit April 1997 bin
ich im Hospiz Rennweg der Caritas Socialis im 3. Wiener Gemeindebezirk als ehrenamtlicher Mitarbeiter etwa einmal in der Woche in der Sterbebegleitung tätig.
Jeder der geht/ belehrt uns ein wenig/ über uns selber./ Kostbarster Unterricht/ an den Sterbebetten./ Alle Spiegel so klar/ wie ein See nach großem Regen,/ ehe der dunstige Tag/ die Bilder wieder verwischt. Nur einmal sterben sie für uns,/ nie wieder./ Was wüßten wir je/ ohne sie?/ Ohne die sicheren Waagen/ auf die wir gelegt sind/ wenn wir verlassen werden./ Diese Waagen ohne die nichts/ sein Gewicht hat.
Wir, deren Worte sich verfehlen,/ wir vergessen es./ Und sie?/ Sie können die Lehre/ nicht wiederholen. Dein Tod oder meiner/ der nächste Unterricht:/ so hell, so deutlich,/ daß es gleich dunkel wird. (Domin 1987, 147)
Die Hospizidee - ein historischer Überblick Zum Begriff Hospiz fällt den meisten der Begriff einer christlichen Herberge ein, sei es als Seefahrer - Hospiz am Meer oder eines der vielen Hospize an
den Alpenübergängen, wie sie im Mittelalter als Schutz für Pilger entstanden sind. Die Bezeichnung geht zurück auf den lateinischen Ausdruck "hospitium" - Gastfreundschaft, Herberge - aus demselben Ur- sprung entwickelte
sich auch das Wort Hospital. Um die Jahrhundertwende richtete ein irischer Orden, die Schwestern der Nächstenliebe, zunächst in Dublin und dann in London Hospize ein, die diejenigen sterbenden Menschen aufnahmen und
pflegten, die keine andere Möglichkeit der Betreuung mehr hatten. Eine inhaltliche Wandlung erfuhr der Begriff Hospiz durch die englische Krankenschwester, Sozialarbeiterin und Ärztin Cicely Saunders. Während ihrer Arbeit als
Sozialarbeiterin erkannte sie, wie inadäquat Sterbende in den Krankenhäusern betreut wurden. Gemeinsam mit den Betroffenen begann sie darüber nachzudenken, was geändert werden könnte, beschäftigte sich mit
Schmerzforschung, und nach jahrzehntelanger Vorbereitung eröffnete sie dann 1967 das Hospiz St. Christopher´s in London und stellte damit ihr modernes Hospizkonzept vor. Neu waren weder der Name noch die Idee der Sterbe-
begleitung, sondern die Ergänzung der bisherigen Sterbebegleitung durch wissenschaftlich fundiertes Fachwissen, insbesondere durch die Palliativmedizin. Großer Wert wurde von Anfang an darauf gelegt, Sterben zu Hause wieder zu
ermöglichen. Es wurde ein flexibles Konzept entwickelt, von dem Sterbende überall profitieren können, zu Hause genauso wie in einem Pflegeheim oder Krankenhaus. Was in London mit dem ersten Haus für Sterbebegleitung
begann, ist eine weltweite Be- wegung geworden, die international verbunden ist. In Österreich breitet sich die Hospiz- bewegung seit 12 Jahren aus. Heute existieren in allen Bundesländern ambulante Dienste, damit das Sterben zu
Hause wieder möglich wird. Darüber hinaus gibt es in 10 Hospizen bzw. Palliativstationen insgesamt 88 stationäre Betten. (Stand: 09/2000). Hospize ermöglichen sterbenskranken Menschen in einem würdigen Rahmen ihr Leben
bis zuletzt leben zu können und unterstützen die Angehörigen in der Zeit der Pflege und des Abschiednehmens. Sowohl die Schmerzbekämpfung als auch die liebevolle Betreuung krebskranker Patienten und ihrer Angehörigen sind das
Anliegen des Teams von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ein Hospiz ist für alle Menschen offen. Niemand wird aus nationalen, religiösen oder finanziellen Gründen nicht aufgenommen oder ausgegrenzt.
Tod und Sterben in der Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse Zur Würde des Menschen
"Du bist bis zum letzten Augenblick Deines Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Du nicht nur in Frieden sterben, sondern auch leben kannst bis zuletzt".
Dieser Ausspruch von Cicely Saunders einem Sterbenden gegenüber beinhaltet die Grundhaltung, auf der das Hospizkonzept aufbaut. Saunders geht es dabei nicht um groß- artige philosophische oder religiöse Erklärungen,
sondern: "... um die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen. Es geht nur darum zu sagen: Dieser Mensch ist wichtig, und zwar bis zum letzten Atemzug seines Lebens." (Saunders 1999, 24). Ganz anders war es
um die Würde des Menschen in den von Viktor E. Frankl in seinem Buch ".... trotzdem Ja zum Leben sagen" beschriebenen Konzentrationslagern des nationalsozialistischen Regimes beschaffen gewesen. Während in den
Konzentrations- lagern das einzelne Menschenleben zur radikalen Wertlosigkeit herabgesunken war ("Die Liste ist das wichtigste, der Mensch nur so weit wichtig, als er eine Häftlingsnummer hat, buchstäblich nur mehr eine
Nummer darstellt. Tot oder lebendig - das gilt hier nicht mehr; das "Leben" der "Nummer" ist irrelevant. [Frankl 1996, 88]), ist die Würde des Menschen ein zentraler Begriff in der Hospizbewegung. In den
Konzentrationslagern war diese Anerkennung der Menschenwürde höchstens ein verborgener Versuch von einzelnen Personen, der unter großem Risiko unternommen wurde. (vgl. Frankl 1996, 136). Die Anerkennung der
menschlichen Würde ist aber noch kein Garant dafür, extreme Lebensphasen bewältigen zu können. Ich habe im Hospiz einige Menschen kennengelernt, die trotz der liebevollen und würdigen Betreuung schwer gestorben sind, während es in
den Konzentrationslagern auch Menschen gegeben hat, die in dieser unmenschlichen Um- gebung ihre Hoffnung und ihren Mut nicht verloren hatten, wie Frankl erzählt und bezeugt. Damit will ich andeuten, dass es letztlich
nicht darauf ankommt, wo und in welcher Lebens- lage ich mich in einer schicksalhaften Situation befinde, sondern wie ich diese Situation bewältigen kann. Die Würde, der Wert und die Sinnhaftigkeit meines Lebens sind zwar von den
äußeren Gegebenheiten beeinflusst, ich kann aber letztlich nur gemäß meiner inneren Einstellung diese Würde und Werthaftigkeit auch erleben. Für das Finden dieser Einstellung ist es wichtig, um die Endlichkeit des Lebens zu wissen.
Die Sterblichkeit des Menschen "Ich habe keine Angst davor, zu sterben - ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert"
- Diese Aussage des amerikanischen Satirikers Woody Allen charakterisiert die Haltung vieler Menschen, wenn es um Themen wie Tod und Sterben geht. Tod und Sterben passiert zwar in den Medien als alltägliches, oft
spektakuläres Ge- schehen, aber da es den Seher oder Leser solcher Nachrichten nicht selbst betrifft, wird diese Tatsache oft verdrängt und weggeschoben. Eine zweite Möglichkeit, mit dem Faktum der Sterblichkeit
umzugehen, ist jene, sich zwar bewusst zu sein, dass uns am Ende unseres Lebens der Tod erwartet, aber zu glauben, dass das Leben mit dem Tod nichts zu tun hat. Viele trennen beide Bereiche fein säuber- lich und meinen, dass Leben
das Gegenteil von Tod wäre. In beiden Fällen herrscht die Ansicht, dass Tod und Sterben nicht zum Leben dazugehören. Nach Viktor Frankl ist es nicht möglich, "leben" und "sterben" als
gegensätzliche Begriffe zu sehen und dem Sterben in unserem Leben keinen Platz einzuräumen, weil dadurch wesentliche Elemente der menschlichen Existenz fehlen und gerade so der Frage nach dem Sinn des Lebens entgegen wirken:
"Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Sie alle lassen sich vom Leben nicht abtrennen, ohne dessen Sinn nachgerade zu zerstören. Not und Tod, das Schicksal und das
Leiden vom Leben abzulösen, hieße dem Leben die Gestalt, die Form nehmen". (Frankl 1983, 118)
Frankl bringt die Tatsache des Todes in einen direkten Zusammenhang mit der Sinnhaftig- keit des Lebens. Er spricht davon, dass gerade die Einmaligkeit und Begrenztheit des Lebens erfordert, dass der Mensch es in all
seinen Phasen verantwortlich lebt:
"Denn was geschähe, wenn unser Leben nicht endlich in der Zeit, sondern zeitlich unbe- grenzt wäre? Wären wir unsterblich, dann könnten wir mit Recht jede Hand- lung ins Unend- liche aufschieben, es käme
nie darauf an, sie eben jetzt zu tun, sie könnte ebensogut auch erst morgen oder übermorgen oder in einem Jahr oder in zehn Jahren getan werden. So aber, angesichts des Todes als unübersteigbare Grenze unserer Zukunft und
Begrenzung unserer Möglichkeiten, stehen wir unter dem Zwang, unsere Lebenszeit auszunützen und die einmaligen Gelegenheiten - deren "endliche" Summe das ganze Leben dann darstellt - nicht ungenützt vorübergehen zu
lassen2. (Frankl 1983, 83)
Auch Alfried Längle betont, dass der Tod konstruktiv zum Leben dazugehört, und er weist auf eine weitere Gefahr hin, wie unser Leben angesichts der Tatsache der Sterblichkeit ungenützt vorübergehen kann, auf die Angst
vor dem Tod. Wir können uns von dieser Angst bannen, lähmen lassen oder aber durch sie hingewiesen werden auf den Wert unseres Lebens: Dieses Gefühl der Bedrohung , in der sich unser Leben ständig befindet, macht
Angst. Angst und Furcht sind Gefühle, die aus dem Schrecken über die Brüchigkeit der Existenz entstehen. Die Angst fixiert. Sie bannt den Blick auf das, was passieren kann, auf die er-schreckende Möglichkeit. Angst verwischt das
Sehen. Im trüben Starren auf das Ende, auf einen zerstörerischen Ausgang, im Banne dieser Angst übersehen wir, dass der Tod zum Leben gehört, dass Sterben ein Atmen ist, das durch das Leben geht. Kann es das Schlimmste sein, was so
natürlich ist, so sicher, so selbstverständlich wie der Tod? Im Banne der Angst übersehen wir, worauf es ankommt, jetzt, noch vor dem Tod: zu leben, ganz da zu sein, ganz bei sich zu sein, ganz beim anderen zu sein, ganz bei dem,
was wir tun.
Schwer ist es, gehen zu müssen, ohne Platz genommen zu haben./ Schwer ist es, hungrig gehen zu müssen vom reich gedeckten Tisch. / Schlimm ist es, das Leben verpasst zu haben, ohne eine Gelegenheit zur
Wiederholung./ - Gut, wenn uns Angst auf die größte Gefahr aufmerksam macht." (Längle 2000, 35-36).
Die Sterblichkeit des Menschen spielt also eine wesentliche Rolle für die Suche nach dem Sinn des Lebens. Für die Existenzanalyse ist die Tatsache des Todes und die Sterblich- keit des Menschen von einer grundlegenden
Bedeutung für ein verantwortetes und somit erfülltes Leben. Das Bewusstsein von Tod und Sterben ist in das Leben hineinzunehmen und immer wieder einzuüben. Alfried Längle macht nochmals darauf aufmerksam:
"Tod und Sterben sind auch Leben. Sind Erfüllung des Lebens, ist vollenden, was tausend Mal schon geendet hat in jedem Abschied, in jeder Veränderung und Entwicklung. Sterblich ist der Mensch im Vorhinein,
nicht im Nachhinein. Darum: Lebe endlich, um endlich zu leben!" (Längle 2000, 26)
Es geht also darum, im Hinblick auf das Ende zu leben. Nur dann haben wir überhaupt eine Chance, mit schicksalhaften Einschränkungen zurechtzukommen und auch die letzte Lebensphase, wenn es ans Sterben geht, annehmen
und aushalten zu können. Für Frankl ist die radikale Vergänglichkeit des Lebens durch die Tatsache des Todes geradezu eine Forderung, jeden Augenblick des Lebens zu nutzen, ihn mit Sinn zu erfüllen:
"Ist nicht die Vergänglichkeit ein Aufruf zu Verantwortlichkeit - wie es im "Kategorischen Imperativ" der Logotherapie zum Ausdruck kommt: "Lebe so, als ob du bereits zum zweiten Mal leben würdest und das
erste Mal alles so falsch gemacht hättest, wie du im Begriffe bist, es zu tun ..." (Frankl 1998, 61) An die Vergänglichkeit zu denken ist sinnvoll, solange ich noch mitten im Leben stehe und fähig bin etwas zu
verändern. Für Menschen, die am Ende ihres Lebens angelangt sind, ist diese Änderungsmöglichkeit sehr eingeschränkt. Ich habe im Hospiz erlebt, dass Ängste in verschiedenen Formen, innere Unruhe, Sprachlosigkeit u. dgl. das Lösen
von noch an- stehenden Problemen beeinträchtigt haben. So stellt sich für mich die Frage, was die Existenzanalyse und Logotherapie auf den Frankl`schen Grundlagen aufbauend an Haltungen und Vorgehensweisen anbieten
kann, wenn sich der Mensch und die ihn Begleitenden in dieser letzten Lebensphase befinden. Die Hospizpraxis aus der Sicht der Logotherapie und Existenzanalyse Die letzte Lebensphase
Am Beginn meiner Besuche im Hospiz war es spannend für mich, zu erleben, dass ich auf die Ungewissheit der kommenden Situationen psychosomatisch reagiert habe. In der Zeit vor dem Eintreffen im Hospiz habe ich öfter ohne Grund
geschwitzt. Nach einigen bewussten Übungen, in Anwendung der Frankl'schen "Paradoxen Intention" (Tutsch, Längle 2000, 47), konnte ich mit dieser Situation besser umgehen. Aus meiner offenbar
spannungsgeladenen Erwartungshaltung war eine offenere Haltung geworden, eine Offenheit, die von der Logotherapie als "phänomenologische Haltung" (Lleras 2000, 53) bezeichnet wird und die mir ermöglicht, zunächst einmal
zu sehen, was zu tun ist, um zu erfassen, was jetzt gebraucht wird. Ich konnte dann den Patienten immer mehr mit dieser inneren Offenheit begegnen und da- durch besser verstehen, dass es durch den bevorstehenden Tod
keinen Aufschub mehr gibt - alles muss jetzt sein. Mir war aber auch bewusst, dass es Momente geben wird, wo ich mir eingestehen muss, dass ich hilflos bin und nichts tun kann, wo ich nur schweigend zuhöre und einfach da bin. Es
muss einem bei aller Bereitschaft zur Hilfestellung klar sein, dass jeder Mensch "seinen" Tod stirbt. Jeder geht "seinen" Weg, gerade in dieser Lebensphase. Spätestens seit den Untersuchungen von
Kübler-Ross (1969) ist gesichert, dass jeder tod- kranke Mensch spürt und irgendwie weiß, wie es um ihn steht. Daher wird im Hospiz ein Gespräch über Sterben und Tod nur auf Verlangen des Patienten geführt. Wir drängen die Wahrheit
nicht auf, aber wenn der Patient uns - oft auch verschlüsselt - fragt, wird er nicht belogen. Der dem Tod geweihte Mensch befindet sich in einer Krise, die er für sich bewältigen muss. Die Phasen dieser
Krisenverarbeitung sind oft beschrieben worden. Am bekannt- esten sind wahrscheinlich die Untersuchungen von Kübler-Ross (1969). Ich konnte alle diese Stadien im Hospiz erleben. Mir fiel auf, dass Rückfälle in bereits durchlebte
Phasen immer wieder vorgekommen sind. Wir müssen uns bewusst sein, dass sich Menschen am Ende ihres Lebens in einer katas- trophalen Situation befinden. Das Wissen um diese Erschütterung und das Aushalten die- ser
Katastrophe ist notwendig, um helfen zu können, wie Verena Kast in ihrem Standard- werk über die psychischen Phasen der Trauer deutlich gemacht hat (vgl. Kast 1999). Weiters ist in der Beziehung zum Patienten zu
beachten, ob ich bei Eintritt in die Begleit- ungsphase Sympathie empfinden kann. Kann ich spüren, ob ich den Patienten mag und ob er mich mag? Dieser Aspekt ist sehr wichtig für den Beginn des Begleitungsprozesses und in dieser
schwierigen Situation unbedingt zu beachten. Silvia Längle hat in Ihrem Artikel über die Existenzanalyse der Behinderung folgende Gedanken formuliert die für das Arbeiten und Leben im Hospiz genau so Gültigkeit haben:
"Zu allererst muß ich erleben können und spüren können: Das Leben trägt weiter, es zerbricht nicht. Es braucht vor allem Begegnungen mit Menschen, die dem Leid standhalten, die nicht zurückweichen, die
nicht vor Schreck den Blick abwenden. Ich brauche nicht Antworten, nach denen ich noch gar nicht gefragt habe, ich wäre noch gar nicht offen dafür. Ich brauche Menschen, die mir nichts aufdrängen und auch noch keine
Patentlösungen bereithalten. Ich brauche als Betroffener etwas, was meine panische Angst vor dem Unbekannten eingrenzt. Es geht darum, wie ich den Halt finde, hinschauen zu können. Und Menschen, die es ertragen können, daß es
mir jetzt so geht, daß es jetzt einmal so ist. Es ist so - jetzt. Mehr nicht. Auch diese Behinderung, diese Krebserkrankung: ja, die gibt es. Es geht nur darum, das Erleben zu nähren: diese Behinderung kann sein, und ich kann
sein." (Längle S. 2001, 16-17)
Als Begleiter muss ich daher in der Lage sein,
In dieser Haltung sind also die zentralen Fragen zu stellen: Was ist jetzt nötig? Was kann jetzt Kraft geben? Was kann helfen, sich dem, was ist, anzunähern? Zu erleben, dass es Menschen gibt, die nicht
vor dem Sterben zurückschrecken, und zu er- leben, dass es möglich ist, meine Schmerzen zu stillen oder zu lindern, gibt Halt und schafft die Grundlage für Vertrauen. Wenn ein Sterbender jemanden findet, der ihm dieses Erleb- nis
ermöglicht, dann kann er Halt finden. Er hat einen ersten Schritt getan, um seine Situ- ation annehmen zu können. Damit hat ein Prozess begonnen: Ich halte mir mein Schicksal nicht mehr auf Distanz, ich nähere mich an und versuche
diese Krise, in die ich angesichts meines Todes gelangt bin, zu verarbeiten. Ich bin und ich kann sein, mit allen meinen Ein- schränkungen. Es ist so - jetzt. Dieses "Sein-Können" ist eine der fundamentalen Streb-
ungen, deren Erfüllung dem Menschen erst seine Zustimmung zum Leben ermöglicht. Alfried Längle hat diese Strebungen unter dem Begriff der "Personalen Grundmotivation" erstmals 1992 bei der Tagung der GLE in
der Schweiz vorgestellt. (vgl. Längle 1999, 18-29). Natürlich spricht er in erster Linie von Menschen, die mitten im Leben stehen, während die Patienten im Hospiz sich in einer extremen Grenzsituation befinden. Das bedeutet, dass
der Begleiter im allgemeinen mehr Hilfestellung geben muss, damit der Sterbende diese Grundmotivationen erleben kann. In der ersten Grundmotivation geht es darum, das Faktum des nahenden Todes, der unheilbaren
Krebserkrankung annehmen zu können, sozusagen hinschauen zu können. Gewissermaßen sich sagen zu können: "Jetzt ist es so. Ich kann damit sein." In der zweiten Grundmotivation erfolgt die Auseinandersetzung
mit der Frage: "Ist es gut, dass es mich gibt/gegeben hat?" Kann ich trotz meiner Ängste, meiner Trauer und meiner labilen Stimmungen sagen: "Ich mag mein Leben, auch mit der Tatsache, dass es zu Ende geht."? In der dritten Grundmotivation geht es um das Spüren meines Selbstwertes. Bin ich damit einverstanden, so wie ich bin? Kann ich vor mir selber bestehen? Kann ich mein bereits gelebtes Leben vor mir verantworten? Im
Falle des Todkranken können sich aber auch die Akzente verschieben: Sehe ich nur mehr meine Hinfälligkeit? Fühle ich mich nur mehr als Belastung für andere? Darf ich so sein, wie ich jetzt bin? Alles, was mir bisher selbst-
verständlich war, müssen andere an mir tun. Kann ich trotzdem Selbstachtung erleben? Bei meiner Tätigkeit im Hospiz konnte ich erfahren, dass die Erfüllung der personal- existentiellen Grundmotivationen von großer
Bedeutung für Menschen in der Sterbephase sein können. Bei einigen Patienten konnte ich sehen, dass sie aus einer gereiften Lebens- führung heraus, mit einer inneren Zustimmung ihren letzten Lebensabschnitt leben konnten, bei
vielen Patienten war es notwendig und gut, dass diese existentiellen Motivationen von außen unterstützt wurden, zumal ja ihre Lebenszeit - bei einer durchschnittlichen Verweil- dauer von 30 Tagen - sehr begrenzt war.
Die Hospizarbeit mit der umfassenden, liebevollen Betreuung durch die Pflegekräfte, die Begleitung durch die ehrenamtlichen Mitarbeiter und die wirkungsvolle Schmerzbehand- lung durch die Palliativmedizin bildet eine gute
Grundlage, um die existentiellen Strebung- en des Menschen zu unterstützen. Dadurch, dass der sterbende Mensch geschätzt und geachtet wird, dass er Zuwendung erfährt, kann er auch in dieser Lebenssituation Halt finden, um so
letztlich sein Schicksal annehmen zu können. In meinen Gesprächen hat sich auch der logotherapeutische Ansatz recht gut bewährt, wo Frankl meint, dass der Mensch für gewöhnlich nur das "Stoppelfeld der
Vergänglichkeit" sieht, und:
"
..... was er übersieht sind die vollen Scheunen der Vergangenheit. Im Vergangen- sein ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, vielmehr alles unverlierbar geborgen. Nichts läßt sich aus der Welt schaffen, was einmal geschehen ist; ...."
(Frankl 1983, 95-96).
Bei meinen Besuchen im Hospiz versuche ich, wenn es nur irgendwie möglich ist, auch diesen Ansatz zu bedenken. Ich konnte erleben, dass viele Patienten den Blick auf ihr Leben negativ eingeschränkt hatten und mit
dieser Anregung wieder Freude und Kraft für ihre schweren Stunden schöpfen konnten. Dadurch wurde bei einigen die Zustimmung zum Faktum ihres nahenden Lebensendes etwas erleichtert
Praxisbeispiel 1 - Stoppelfelder des Lebens Herr T. ist nach einem Suizidversuch und anschließendem Aufenthalt auf einer psychi- atrischen Station mit der Diagnose "Unheilbarer Darmkrebs" in das Hospiz
gekommen. Er war 71 Jahre alt. Bei unserer ersten Begegnung gleich nach Beginn seines Aufenthaltes habe ich ihn un- sicher, aufgeregt und ängstlich erlebt. Er hat aber irgendwie Vertrauen zu mir gefasst. Auch ich habe
vom ersten Augenblick an Sympathie für ihn empfunden. Dieser Aspekt ist wesentlich bei der Sterbebegleitung. Es ist von entscheidender Bedeut- ung, ob man einander gleich bei der ersten Begegnung mag oder nicht, ob man
gleich Kontakt bekommt oder nicht. Wenn das nicht empfunden werden kann, sollte man nicht weitermachen, es wird eine Qual. Durch die fehlende Öffnung zueinander, bleiben die Gespräche oberflächlich und neutral. Der
Betreuungscharakter bleibt natürlich, aber eine Beziehung kommt nicht zustande. Seit dem Tod seiner Gattin hat Herr T. in seinem Leben keinen Sinn mehr gesehen. Dieses Erlebnis hat ihn in eine Leere und Enge getrieben,
die schlussendlich dann auch zu seinem Suizidversuch geführt hat. Herr T. war in einem technischen Beruf tätig. Da ich hauptberuflich auch im technischen Bereich tätig bin, konnten wir am Beginn der Gespräche uns auf
dieser Schiene besser kennenlernen. Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon daran gedacht, dass es ganz wichtig wird, ob es Herrn T. gelingt, sein Leben nicht nur aus der momentanen hoffnungslosen Situation heraus zu sehen, sondern es
als Ganzes in den Blick zu bekommen. So habe ich als Zielvorstellung bei unseren Gesprächen immer diesen Ganzheitsblick vor Augen gehabt. Herr T. sollte aus seinem hoffnungslosen Misstrauen der gegenwärtigen Situation
herausfinden, um für sich die "gefüllte Scheune" seines vergangenen Lebens immer mehr entdecken zu können. Wir haben über seine gern getane Arbeit im Brückenbau, seine harmonische Ehe und Partnerschaft, seine
schönen und angenehm erlebten Urlaubsreisen mit seiner Gattin gesprochen, und es war mein Bestreben, die Gedanken weit in die Vergangenheit von Herrn T. zu begleiten. Eines Tages hat mir Herr T. erzählt, dass er nach
dem Tod seiner Frau das Gefühl gehabt hat, dass auch sein Leben aus ist. Zum Umbringen war er (noch) zu feige, und so hat er die Gefahr gesucht, ohne Rücksicht darauf, ob ihm dabei etwas zustößt oder nicht. Er ist in den
Nachmittagsstunden und auch am Abend viel unterwegs gewesen und hat den Kontakt zu Leuten am Rand der Gesellschaft gesucht. Er hat unterstandslose, süchtige und verwahr- loste Mädchen und Burschen angesprochen und wegen
Suchtgiftmissbrauchs befragt, und es war ihm egal, ob er dabei zu Schaden kommt oder nicht. Er wurde in der "Szene" mit einigen bekannt und ist von ihnen als Gesprächspartner akzeptiert worden. Dass diese
Gespräche wertvoll waren, war Herrn T. überhaupt nicht bewusst. Dadurch dass ich ihn auf diese Dimension hinweisen konnte, ist ihm diese Leistung erst bewusst geworden. Er konnte erkennen, dass diese für ihn "verlorene
Zeit" eigentlich doch erfüllt war. Ich habe Herrn T. zweieinhalb Monate begleitet und dabei einmal pro Woche für ca. 2-3 Stunden besucht. Ich konnte sehen, dass er immer ruhiger und gelassener wurde. Die an-
fängliche Hoffnungslosigkeit ist in eine große Dankbarkeit übergegangen, Dankbarkeit da- für, dass er am Ende seines Lebens so gut, "paradiesisch", wie er formuliert hat, aufge- hoben ist. Es war dann auch
möglich, über sein nahes Lebensende zu sprechen, in das er nach an- fänglichem Wehren immer mehr einwilligen konnte. Mir werden diese Augenblicke unver- gesslich bleiben, wo Herr T. auf meine Frage, ob er Angst vor dem Sterben
habe, sagen konnte: "Nein, Angst habe ich keine, aber ich habe eine große Neugier, wie es nach dem Tod weitergehen wird." Wir konnten humorvoll über das "Paradies" reden, "erörtern", auf welcher Wolke
er sitzen wird. Es war da bei ihm große Ruhe und Gelassenheit zu spüren, die mich sehr beeindruckt hat. Die Veränderung von Herrn T. war für mich auch noch in einem anderen Zusammenhang sichtbar. Am Beginn unserer
Gespräche hat er seine einzige Verwandte als habgierig, als jemand, der nur hinter seinem Geld her ist, geschildert. Nach der Aussöhnung mit sich und seiner Welt, nach dem Erkennen seiner Werte, wollte er sogar noch mit dieser
Verwandten als eine Art Wiedergutmachung, wenn es irgendwie möglich sein sollte, eine Kreuzfahrt mit einem Seeschiff machen. Das war ihm nicht mehr möglich, aber er hat sich mit seiner Verwandten aussöhnen können. Drei
Tage vor seinem Tod habe ich die letzte Begegnung mit Herrn T. gehabt. Ich habe ihn sehr schwach erlebt. Wir haben noch einmal über sein Schwächerwerden, sein Sterben gesprochen. Seine Überzeugung war, dass es eine Art
"göttliches Prinzip" gibt, das ihn jetzt in dieser Situation trägt und ihm hilft, diesen letzten Schritt in seinem Leben zu tun. Fallbeispiel 2 - Die Unterstützung der Grundmotivationen
Als ich Frau A. das erste Mal getroffen habe, ist sie im Rollstuhl gesessen. Sie war gerade im Hospiz aufgenommen worden. Nach dem Bekanntmachen bin ich mit ihr, wie bei Roll- stuhlpatienten üblich, im Haus spazieren gefahren,
damit sie die Umgebung kennenlernen kann. Frau A. wollte gleich wieder auf die Station zurück. Sie hatte vorerst einmal Scheu, wie sie mir bei einem der nächsten Besuche erzählte. Sie konnte nicht gleich Vertrauen zu mir fassen,
obwohl ich ihr von Anfang an nicht unsympathisch war. Frau A. war 74 Jahre alt, unverheiratet, ohne Verwandte und hatte ein scheues, zurück- haltendes, aber freundliches Wesen. Sie hat einen einfachen Beruf am
Fließband einer Lederwarenfabrik ausgeübt. Sie hatte immer bei den Eltern gelebt, war nach dem Tod der Mutter kurze Zeit in einer eigenen Wohnung, dann in einem Seniorenheim. Nach einem Sturz mit Knieverletzung war
Frau A. nicht mehr gehfähig. Nach dem Spital- aufenthalt mit der Diagnose: "Knochenkrebs mit Metastasen im ganzen Körper" wurde sie im Hospiz aufgenommen. Die Kommunikation mit Frau A. war etwas behindert, da
Metastasen bereits die Gehirn- funktion eingeschränkt hatten. Doch mit langsamem, geduldigem Gesprächsaufbau waren mit Frau A. lange noch Gespräche möglich. Ich bin beim Kontakt mit Frau A. ganz im Sinne der
Grundmotivationen vorgegangen, und ich habe diese auch aktiv angeboten. Mir war es wichtig, durch das Annehmen ihrer Per- son ihr Halt und Vertrauen anzubieten. Ich habe versucht Zuwendung und Wärme zu ver- mitteln. Durch mein
geduldiges Dasein wollte ich Frau A. zeigen, dass ich sie schätze und achte. Durch die Regelmäßigkeit unserer Begegnungen war das möglich und wurde von ihr auch angenommen. Erfahren konnte ich das auch verbal, als mich Frau A.
einmal, während eines "Mensch ärgere dich nicht" - Spiels, gefragt hat, ob ich sie gern habe. Ich konnte diese Frage von Herzen bejahen, was von Frau A. mit scheuer Freude registriert wurde. Ich habe unsere
vereinbarten Termine, jeden Freitag zur selben Zeit und mit einer etwa gleichbleibenden Besuchsdauer, eingehalten, und ich wurde immer schon freudig erwartet. Nachdem Frau A. vom Rollstuhl ins Bett gewechselt hatte,
war der Besuchsablauf durch Spielen und Plaudern geprägt. Sie spielte leidenschaftlich "Mensch, ärgere dich nicht", wobei sie gerne mogelte. Jeder gelungene Schummelversuch wurde von ihr mit einem verschmitzten Lächeln
bestätigt. Bei diesen Spielbesuchen konnte ich bei Frau A. noch lange Zeit große Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit feststellen. Aus dem Leben von Frau A. konnte ich nicht sehr viel erfahren. Ihren wenigen persönlichen
Äußerungen konnte ich entnehmen, dass das Elternhaus für sie sehr wichtig gewesen war und sie ohne ihre Eltern nicht leicht leben konnte. Bei Gesprächen über dieses Thema war auch eine ihrer seltenen schmerzlichen Gefühlsregungen
zu merken. Frau A. hat diesen Schmerz aber nur kurz zugelassen und dann wieder ihre hinnehmende Haltung ein- genommen. Dieselbe Haltung hat sie auch dem nahenden Ende ihres Lebens gegenüber ein- genommen. Ein Gespräch
über ihr Sterben und den Tod war nicht möglich und war auch, wie ich bei einigen Versuchen erfahren mußte, nicht erwünscht. Ich vermute, dass dieses Verhalten dem gleicht, was Cicely Saunders so beschrieben hat:
"In einem Buch eines russischen Schriftstellers - ich glaube es war Solschenizyn - las ich einmal etwas über Bauern, die dem Tod sehr ruhig entgegensahen. Es war so etwas wie "Hier ist er also." Sie übertraten die
Schwelle des Todes fast so, wie sie jeden Morgen in ihre Felder zogen. Es war einfach ein Teil ihrer Existenz." (Saunders 1999, 22-23) Ich habe diese Haltung bei Frau A. gespürt. Ich glaube, sie hatte so gelebt und konnte so
sterben. Die Besuche bei Frau A. sind über 14 Wochen jeweils ca. zwei Stunden pro Woche mög- lich gewesen. Bei den letzten drei Begegnungen war zu sehen, dass Frau A. immer schwächer wurde. Mein Besuch bei ihr hat sich
da auf einfaches Da-Sein beschränkt. Ich bin bei ihr gesessen, habe ihr meine Tageserlebnisse erzählt oder war einfach schweig- end anwesend. Auch in diesen letzten Stunden hatte ich das Gefühl, dass für Frau A. diese Art der
Kommunikation angenehm und für sie entlastend war. Schlussgedanken Durch meine Tätigkeit in der Sterbebegleitung konnte ich erleben, dass es ganz wichtig ist, in dieser Lebensphase auf ein
gereiftes Leben im Sinne der Grundmotivationen rück- greifen zu können. Es kommt also darauf an, mein Leben bewusst und mit Zustimmung gelebt zu haben, um auf diesem Fundament auch in der Sterbephase bestehen zu können. Ich habe erfahren, dass es in dieser letzten Lebensphase sehr eng für die Betroffenen werden kann. Ängste in den verschiedensten Formen treten auf und können große Block- aden verursachen. Die Angst vor der immer
schlechter werdenden Lebensqualität, Angst vor dem Verlust der Eigenmächtigkeit, Angst vor Schmerzen, Angst vor dem Tod. Es ist eine Phase, in der sich die Elemente der "tragischen Trias" (vgl. Frankl 1983, 236), näm-
lich Schuld, Leid und Tod, in einer sehr bedrohlichen Weise verdichten können, so weit ver- dichten, dass es nicht mehr möglich ist, in dem Sterbeprozess sein Leben zu jener sinn- haften Totalität abrunden zu können, wie Frankl in
der "Ärztlichen Seelsorge" (vgl. Frankl 1983, 63) beschreibt. Ich muss mich um mein Leben bemüht haben, dass ich mein Sterben als Abrundung des Lebens auch erleben kann. Ich bin also aufgefordert, meine
begrenzte Zeit zu nutzen, um aus meiner Lebenszeit eine wertvolle Zeit zu machen. Eine Zeit, auf die ich gerne zurückschauen mag und die mir das Gefühl vermittelt: "Ja, ich habe mein Leben gehabt". Manches war mir
vielleicht nicht mög- lich, aber ich kann zu meinem Leben als Ganzes Zustimmung geben. Literatur:
Dieses Leben geht dich an! "Dieses Leben geht dich an - versuch es!" Mit diesem Aufruf hat Alfried Längle seine existentielle Botschaft als "Spur zum Lebenssinn" (Längle 2000,
91-92) formuliert.Mit diesem Gedanken möchte ich meine Arbeit abschließen:
Solange du lebst, wisse: Dieses Leben geht dich an! / Nicht mehr deine Eltern, nicht deine Lehrer, / nicht deine Vorgesetzten, nicht die Politiker, / nicht die Philo- sophen, nicht die Priester. / Sie alle
können dir nur sagen, wie das Leben sie ange- gangen ist. / Dich hingegen geht es stets von neuem an. / Denn es spricht zu dir, spricht dich persönlich an in jeder Situation.- / Was packt dich, fasziniert dich? / Was
interessiert dich?/ Was ängstigt dich, bedrückt dich, ärgert dich, ekelt dich? / Dies alles spricht zu dir. / Geh darauf zu, geh darauf ein - es ist dein Leben! / Öffne dich für alles, was dich anspricht! / Riskiere dein Leben,
versuche dich im Zweifel, in der Idee, / in der Verliebtheit - und wähle dann aus! / Gib deine Antwort, sie wurde noch nie gegeben! / Niemand kann sie für dich geben. Halt dich an dein Gespür und scheue den Irrtum
nicht. / Es ist schlimmer, aus Angst vor Fehlern / nicht gelebt zu haben, als mit Fehlern zu leben. / Lass dir nicht sagen, was du tun sollst. / Nimm es nur als Hinweis, was andere dir sagen, / was die Tradition vermittelt, was
die Mode ist, was andere tun. / Folge deinem Gespür, un- beirrt. / Du spürst es selbst, wenn es genug ist für dich. / Du spürst, wenn es nicht mehr stimmt. / Du spürst, wenn du Werte zertrittst, / wenn du anderen, die dir lieb
sind, wehtust. / Du spürst, wo deine Grenzen sind. / Du spürst es, wenn du bei ihnen angelangt bist. / Achte auf dein Gespür! So lautet die existentielle Botschaft: Setz dich dem / Leben aus, geh mit ihm, so weit
du kannst und so / weit dich deine Füße tragen! Bleib nicht zimperlich / und verklemmt im Hafen, mit den Molen aus / Angst und den Leuchttürmen der Gewohnheiten. / Es geht um etwas in deinem Leben! Es geht um / dich - dass du
ganz da bist in dieser deiner Welt! / Das ist Sinn. So kannst du deinen Sinn finden. |
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