Sterbehilfe - ja oder nein?

von Katharina Luksch

Schriftliche Maturaarbeit im Pflichtfach Deutsch, eingereicht im Juni 2002, Erich-Fried - Realgymnasium, Wien 9

Seit in den Niederlanden ein Gesetz verabschiedet wurde, das es den Ärzten erlaubt, aktive Sterbehilfe zu leisten, ist die Debatte um Euthanasie auch hierzulande wieder auf- geflammt. Die Positionen zu diesem Thema klaffen naturgemäß weit auseinander, und ich denke, es gibt niemanden, der dazu keine Meinung hat, die er mehr oder weniger emotio- nal verteidigt. Kein Wunder: schließlich ist der Tod etwas, das uns tatsächlich alle betrifft und wer hat sich nicht schon einmal Gedanken gemacht, wie er sterben möchte bzw. ob es tatsächlich so etwas wie einen "schönen Tod" gibt?

Zwar lehnt die österreichische Bundesregierung laut "Wiener Zeitung" jeden Schritt in Richtung Sterbehilfe entschieden ab, doch die breite mediale Diskussion, die der holländischen Gesetzesnovelle folgte, weist einmal mehr auf die Brisanz des Themas ebenso wie auf einen oft nicht unbeträchtlichen Mangel an Information hin

Sterbehilfe versus Sterbehilfe

Was also ist Sterbehilfe oder Euthanasie eigentlich?

Grundsätzlich gibt es zwei Arten der Sterbehilfe, die wir unterscheiden müssen: Aktive Euthanasie meint das Töten eines unheilbar Kranken auf dessen Wunsch hin, während passive Sterbehilfe das Unterlassen bzw. Beenden lebenserhaltender Maßnahmen (wie sie z. B. bei Komapatienten von nöten sind) versteht. Da beides den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werde ich mich im Folgenden auf die Problematik der aktiven Sterbehilfe beschränken.

Sobald wir darüber sprechen, bemerken wir: schon aus der Formulierung ergeben sich Probleme. Handelt es sich bei der aktiven Sterbehilfe um die bewusste und vorsätzliche Tötung eines Menschen (was man auch als Mord bezeichnen könnte) oder um die Hilfe zum Selbstmord, den der Kranke nicht mehr selbst zu verüben in der Lage ist? An dieser Frage, die das Hauptproblem bereits formuliert scheiden sich die Geister.

Der Widerspruch

Die Idee der aktiven Sterbehilfe gründet für die meisten ihrer Befürworter auf der Auffass- ung, dass jeder Mensch das Recht hat, über sein eigenes Leben ebenso wie über seinen Tod zu entscheiden, sprich das Recht auf Selbsttötung. Ist ein Mensch aufgrund seiner Krankheit oder Behinderung nicht (mehr) in der Lage, sich selbst das Leben zu nehmen, so kann er andere um Hilfe bitten.

Mit dieser Hilfe freilich ist das so eine Sache, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass sich irgendjemand, der einen anderen auf dessen Wunsch hin ein tötliches Gift verabreicht, des Gefühls erwehren kann, etwas Falsches zu tun, ja ein Mörder zu sein. Zu tief ist das Gebot "Du sollst nicht töten" in unserem ethischen Empfinden verankert - das muss noch gar nichts mit Religion zu tun haben. Hinzu kommt das spezielle Dilemma des Arztes, dessen vorrangige Aufgabe und Pflicht es ja sein soll, Menschenleben zu retten und zu bewahren, wie es schon im hippokratischen Eid verankert ist.

Unerträgliches Leiden?

Doch wie, wenn ein Mensch, der in absehbarer Zeit sterben wird, sichtlich leidet und so starke Schmerzen hat, dass er sich nach dem Tod sehnt? Ist ein rasches Sterben da nicht eine Gnade?

Viele Leute nehmen die Schlüssigkeit dieser Argumentation als gegeben hin und erkennen "unerträgliches Leiden", dem man früher oder später erliegen wird, als unantastbare Be- gründung und Rechtfertigung für aktive Sterbehilfe an. Ich teile diese Meinung nicht. Ich finde, damit macht man es sich zu einfach, denn: Tatsächlich gibt es so gut wie keine Schmerzen, gegen die es keine Schmerzmittel gäbe. Die Palliativmedizin ist viel höher entwickelt als den meisten Leuten bewusst ist - und sie wird viel zu wenig genutzt.

Ich weiß von meiner Mutter, die selbst seit dessen Gründung in einem der ersten öster- reichischen Hospize arbeitet, dass man tatsächlich nahezu alle Schmerzen wirksam be- handeln kann - das ist schließlich die Idee des Hospizes, das keinen Anspruch mehr auf Heilung erhebt, sondern sich "nur noch" darum kümmert, das Leiden todkranker Krebs- patienten zu minimieren. Und: Ich behaupte (und damit bin ich nicht allein): Kein kranker Mensch, der keine Schmerzen hat, will wirklich sterben.

Dank des medizinischen Fortschrittes besteht keine Notwendigkeit mehr, Schmerzen zu erleiden. Die Schlussfolgerung daraus lautet: Es gibt in dieser Hinsicht keine Rechtfertig- ung für aktive Sterbehilfe.

Es wäre also mehr als angebracht, den Schwerpunkt der Diskussion von "Darf man tod- kranke Menschen töten, um ihrem Leid ein Ende zu setzen?" auf "Wie kann man dieses Leid vermindern oder gar nicht erst aufkommen lassen?" zu verschieben.

Subtilere Faktoren

Doch ich glaube, dass hier noch ganz andere, subtilere Faktoren mitspielen, die nicht so offen ausgesprochen werden. Und hier gibt es nicht nur die Problematik des Missbrauches durch Angehörige, die mehr an ihrem Erbe als an ihrem Angehörigen interessiert sind und infolge dessen einen unterschwelligen Druck auf diesen ausüben könnten, zu bedenken. Nein, es ist ja auch viel bequemer, jemand den sogenannten "schönen Tod" (den im übri- gen niemand wirklich garantieren kann) zu geben, als sich um die Behandlung des indivi- duellen Leidens zu kümmern.

Leider können wir in einem kapitalistischen System und in Zeiten von Personalmangel und Einsparungen an allen Ecken und Enden solch ebenso simple wie niedere Motive nicht ausser Acht lassen.

Natürlich wäre es auch zu einfach, die Ärzte oder Pflegepersonen dafür verantwortlich zu machen, da sie selber in das System eingebunden und von diesem abhängig sind. Wie so oft bei solchen Themen müssen wir uns fragen, welche gesellschaftlichen Grundlagen und Wertvorstellungen vorhanden sein müssen, um eine Diskussion wie diese überhaupt erst möglich zu machen.

Bequemlichkeit, Verdrängung und Folgen

Was steckt hinter diesen Wunsch nach einem "schönen", sprich "sauberen" Tod? Meiner Meinung nach immer noch die Bequemlichkeit, immer wieder dieser herrlich funktionier- ende Verdrängungsmechanismus, der uns alles, was irgendwie häßlich, teuer und mühsam ist - noch dazu ohne sich "zu rentieren" - wegschieben, entfernen wollen läßt. Die auf diesem Denken basierende Entwicklung kann verheerende Ausmaße annehmen.

Euthanasiebefürworter argumentieren gelegentlich, eine Legalisierung der aktiven Sterbe- hilfe würde für eine bessere Kontrollierbarkeit derselben sorgen, da sie ohnehin bereits immer wieder verdeckt praktiziert werde. Sie übersehen dabei aber, dass der Umstand, dass Ärzte, die Sterbehilfe leisten und dies nicht mehr verheimlichen müssten, keineswegs bedeutet, dass damit auch sorgfältiger umgegangen würde.

Ganz abgesehen davon hätte diese Legalisierung unweigerlich zur Folge, dass sich der gesellschaftliche Grundkonsens verändert, in dem die allgemeine Toleranzgrenze steigen und damit die Hemmschwelle weit unter die jetzige sinken würde. Mit der Zeit würden sich die Leute daran gewöhnen und die Tötung kranker Menschen als etwas Normales an- sehen, was zusätzliche Gefahren birgt: Todkranke Menschen, die auf Intensiv- und Palliativ- pflege angewiesen sind, könnten sich zunehmend - auch finanziell - in die Enge gedrängt fühlen und mit einer regelrechten Erwartungshaltung konfrontiert werden, Angehörigen und Pflegenden nicht zur Last zu fallen und also in die Sterbehilfe einwilligen, obwohl sie das möglicherweise eigentlich gar nicht wollen.

Ungerechtfertigt, verwerflich und äusserst gefährlich

Und schließlich drängt sich auch die Frage auf, was mit jenen Menschen passieren soll, die zu keiner Entscheidung darüber mehr fähig sind. Wer entscheidet für diese, ob ihr Leben noch lebenswert ist. Und: Hatten wir die Diskussion über "unwertes Leben" - und ihre Folgen! - nicht schon einmal, vor noch gar nicht so langer Zeit?

Solche Situationen könnten, wenngleich sie uns auch heute durch und durch inakzeptabel erscheinen, sehr rasch Realität werden. Man kann dieses Gedankenspiel noch weiter- führen und dabei entdecken, dass etliche Sience-Fiction-Szenarios bald gar nicht mehr so unrealistisch klingen könnten.

Daher halte ich Euthanasie nicht nur für moralisch verwerflich und praktisch ungerecht- fertigt, sondern auch in einem grösseren Zusammenhang für äusserst gefährlich.

Zwar muss jeder für sich eine Antwort auf diese Problematik finden, aber wir sollten bei solchen Dingen nie vergessen, uns zu fragen: wem kommt das zugute? Ist das wirklich so, wie es mir präsentiert wird? Und welche Folgen wird so eine Entscheidung haben?