Sterbebegleitung daheim

von DGKS Manuela Steinmetz

Wir waren ein engagiertes extramurales Betreuungsteam aus Pflegehelferinnen, Heim- helferinnen, Einsatzkoordinatorin und einer DGKS. Regelmäßige Teamsitzungen, laufende telefonische Kontakte und exakte Pflegedokumentation gewährleisteten einen optimalen Austausch untereinander und - würdevolle Betreuung der uns anvertrauten Menschen. Bis zuletzt.

Über den Zeitraum von sechs Wochen betreuten wir fast täglich Frau H. (55), die aufgrund eines Magenkarzinoms, das bereits Leber und Wirbelsäule infiltriert hatte, querschnitt- gelähmt war und gerade die vierte Chemotherapie hinter sich gebracht hatte. Kurz vor der Entlassung aus dem Spital lernten wir in Frau H. eine intelligente, hinsichtlich der Heilungs- chancen sehr zuversichtliche und auf ihr Erscheinungsbild sehr bedachte Dame kennen.

Den Erstbesuch in ihrer Wohnung nutzten wir zum besseren gegenseitigen Kennenlernen und zur Einleitung einer rollstuhlgerechten Adaptierung der Wohnung (Frau H. wünschte keinen häufigen personellen Wechsel bei ihrer Betreuung). Wir legten eine Dokumentation (aus Pflegeplan, Betreuungbericht und Tätigkeitskatalog für Tätigkeiten ausserhalb der Pflegeplanung) an: Bei Frau H. standen Probleme der Ernährung, der Wundversorgung (Dekubitus am Steiß und Blasenbildung an verschiedenen Körperstellen als Reaktion auf die Chemotherapie) sowie die Schmerztherapie im Vordergrund. Verdauungsprobleme äußerten sich in Übelkeit, oftmaligem Erbrechen und Aufstoßen.

Bald war der Zeitpunkt gekommen, an dem Frau H. keine feste Nahrung und immer weniger Flüssigkeit zu sich nehmen konnte. Dennoch wollte sie nicht wieder ins Spital, und ein ihr befreundeter Facharzt ermöglichte es, die notwendigen Infusionen und Injektionen zuhause zu verabreichen. Darüber hinaus gab es zu niedergelassenen Ärzten leider nur beschränkte (telefonische) Kommunikation - für Treffen fehlte die Zeit.

Die wichtigste Stunde

Diese Treffen zwischen Ärzten, Pflege- und Therapiepersonal, ev. dem Seelsorger sowie den Angehörigen wären zum Wohle des Patienten aber wünschenswert gewesen, da man sehr aufeinander angewiesen war und dies auch der gegenseitigen Absicherung des je- weils eigenen Tätigkeitsbereiches dienlich gewesen wäre. Frau H. hatte zwei erwachsene Töchter, die uns bei der Betreuung und Pflege, so schwer es ihnen zeitweise auch fiel, tatkräftig zur Seite standen.

Sie beschafften Hilfsmittel und halfen bei den Transfers Bett - Rollstuhl - Bett . Den Leib- stuhl konnte Frau H. in einer eingeübten Sitzposition benützen, die Körperpflege wurde auf ihre Tagesverfassung abgestimmt: Manchmal konnte sie sich selbständig waschen, zum Duschen war sie aber meist zu sehr geschwächt. Schmerztherapeutisch wurde Frau H. durch einen Experten des mobilen Hospiz - Teams begleitet.

Nach der Körperpflege und Wundversorgung setzte ich mich oft zu ihr, hielt ihre Hand, sprach und schwieg mit ihr. Oft schlief sie ein und freute sich beim Aufwachen, weil ich noch immer da war. Frau H. fragte nach dem Sinn der Infusionen und wollte keine medi- zinischen Maßnahmen mehr.

    Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart. Der bedeutendste Mensch ist immer der, der Dir gerade gegenübersteht. Das notwendigste Werk ist stets die Liebe. (Meister Eckehart)

Das Sterben erleben

Frau H. hatte sich damit abgefunden, sterben zu müssen und konnte über den Tod reden. Mein vorletztes Treffen mit ihr fand noch zuhause statt, wo sie händehaltend neben mir einschlief. Plötzlich hörte ich sie sagen: "...noch drei Tage". Später erzählte sie mir von einen seltsamen Traum über Dinge, die sie sich nicht erklären könne.

Der Abschied fiel mir an diesem Tag sehr schwer.... Ein anschließend besuchtes Sterbe- seminar half mir, meine Erlebnisse und Empfindungen bei der von mir begleiteten Sterben- den auszusprechen und zu verarbeiten; ich wurde in meiner Haltung bestärkt, nicht immer "etwas tun" zu müssen, sondern mich ganz nach den Bedürfnissen der sterbenden Frau richten zu können.

In diesen Tagen wurde ich mit meiner eigenen Endlichkeit und Angst vor dem Tod konfrontiert:

  • Wie würde es mir ergehen, wenn ich plötzlich erfahre, unheilbar krank zu sein?
  • Welche Gefühle kämen in mir hoch?
  • Was würde ich wem noch gerne mitteilen, bevor ich sterbe?

Die Auseinandersetzung mit all diesen Fragen kann für jede/n eine Chance sein, das von uns als richtig Erkannte im Leben zu verwirklichen, bei der Arbeit nicht "auszubrennen" und zu erkennen, das Geben und Nehmen ein fließender Prozess ist und wir nicht nur die Helfenden / Gebenden sind.

Eine bewusste und liebevolle Verabschiedung

Nach dem Seminar erfuhr ich , dass Frau H. auf eigenen Wunsch (aus Rücksicht auf ihre Töchter, wie sie meinte) ins Spital aufgenommen worden war, und besuchte sie dort am selben Abend. Während der drei Stunden meines Besuches waren ihre Augen geschlossen, doch äußerte sie immer wieder Wünsche, wie den nach einer zweiten Decke , mehr Schmerzmitteln, nach einer zärtlichen Hand. Ihre Töchter erzählten Ereignisse aus ihrem gemeinsamen Leben, und wir bezogen Frau H. in alle unsere Gespräche mit ein.

Sie nannte auch öfters meinen Namen und ich dankte ihr vor dem Weggehen für das viele Gelernte und die Möglichkeit, dass ich sie ein Stück ihres Lebens begleiten durfte. Frau H. lächelte, drückte meine Hand und ich verabschiedete mich ein letztes Mal von ihr.

Durch die Akzeptanz des bevorstehenden Todes wurde uns ein Raum geschaffen: Frau H. konnte alles ihr Wichtige erledigen und das Leben bewusst abschließen. Für uns hieß es, ein neues Pflegeverständnis zu entwickeln: Nicht mehr die Heilung, sondern eine würde- volle, aufrichtige und vorbehaltlose Begleitung und Betreuung waren in den Vordergrund getreten.

Frau H. starb friedlich nachts, drei Tage nach ihrem so unerklärlichen Traum...