Lebenswert - Was heisst das eigentlich?

von DGKP Ulrich Treipl

Am einfachsten wäre die Antwort auf die Frage nach dem Lebenswert: Leben hat einen absoluten Wert, der durch niemanden und nichts relativiert werden kann. Das ist einer der zentralen Grundsätze jüdischen Glaubens: Menschliches Leben besitzt Heiligkeit sowie absoluten, unantastbaren und unendlichen Wert.

Rabbiner Lord Immanuel Jakobovits  (1921-1999), ehemaliger Oberrabbiner von Groß- britannien und Experte auf dem Gebiet der jüdischen Medizinethik, hat eine treffende Beschreibung dieses Prinzips formuliert: Der Wert menschlichen Lebens ist unendlich und maßlos. Da auch der Bruchteil einer Unendlichkeit eine Unendlichkeit ist, besitzt jeder Moment des menschlichen Lebens den gleichen, unendlichen Wert. Würde eine Person, die noch wenige Tage oder Stunden zu leben hat, weniger Wert besitzen als ein Mensch, der aller Voraussicht noch in 70 Jahren leben wird, so würde der unendliche Wert mensch- lichen Lebens seinen absoluten Charakter verlieren und relativ werden. Er würde relativ zur Lebenserwartung, relativ zum Gesundheitszustand oder relativ zum Nutzwert für die Gesell- schaft eingestuft werden.

Beliebige, willkürlich gewählte Kriterien könnten herangezogen werden, um über den “Wert” oder den “Unwert” eines menschlichen Lebens zu befinden. Es käme zu einer Einteilung von Menschen in höhere und niedrigere Klassen, in Menschen, die einen berechtigteren Anspruch auf Leben haben, und solche, die keinen Anspruch mehr auf Leben besitzen. Es verwundert folglich nicht, wenn der Philosoph Jeshajahu Leibovitz sagt: “Die Frage, ob ein Leben lebenswert ist, darf es nicht geben.” (Leibovitz/Shashar: Gespräche über Gott und die Welt. Frankfurt a. M./Leipzig 1994) – man möchte dazu sagen: “...darf es nicht mehr geben.”

Unter bestimmten Bedingungen...

Aber es gibt sie – wieder, diese Frage, und sie wird zusehends öfter gestellt. Und beant- wortet! Ganz unterschiedlich freilich und zumeist von Personen, die diese Frage gar nicht persönlich betrifft.

Eine Krankenschwester auf einer internen Abteilung, ca. 50 Jahre alt, kam ins Dienst- zimmer und stellte fest, daß das Leben von Hrn. L. (90 Jahre) so nicht mehr lebenswert sei, er habe große Druckgeschwüre vom Liegen, kann nichts mehr alleine, habe keine Besser- ung zu erwarten, er vegetiere einfach dahin. Wenig später erfuhr ich noch von eben dieser Krankenschwester, daß sie – wenn einmal bedürftig - jedenfalls in ein Pensionisten-/ Pflegeheim ginge, da sie ihren Kindern nicht zur Last fallen wolle.

Sie hatte den Patienten, Hrn. L., nicht gefragt, wie er seine Situation einschätze; (die Zähigkeit von Hrn. L. allerdings, unter gesundheitswidrigsten Umständen noch geraume Zeit weiterzuleben, deutete darauf hin, daß dieser sich ans Leben klammerte und also noch Wert darin sah.

Es ist sehr oft zu beobachten, daß Menschen erst um ihr Leben zu kämpfen beginnen, wenn sie mit der Prognose konfrontiert werden, es möglicherweise bald zu verlieren!) sie hatte das eigene Unvermögen, mit dem Leid des Patienten umzugehen, auf diesen proji- ziert und sein Leben für wertlos erklärt! Darüberhinaus hielt sie gesteigerte Bedürftigkeit (im fortgeschrittenen Alter) offenbar für einen Unwert, für eine nicht zumutbare Belastung für ihre Kinder (ich bezweifle, daß sie je mit diesen darüber gesprochen hatte).

Der Lebenswert des Patienten war bei dieser Krankenschwester in Relation gesetzt zu ihrem Leiden über den Zustand des Patienten, ihr eigener Lebenswert in Relation zu persönlicher Unabhängigkeit.

Hoffnungslos

Der Patient war bettlägrig, sehr alt, körperlich und geistig abgebaut, konnte Harn und Stuhl nicht mehr kontrollieren, hatte große Wunden, Schmerzen und eine “infauste Prognose”, d.h., keine Hoffnung auf Heilung. Diese Momentaufnahme war gewiß nicht ästhetisch für den Betrachter, stellte aber den Menschen nur als ein Defizitmodell dar. Die ca. 90 Lebensjahre vor dieser Betrachtung entzogen sich der Beurteilung des Lebenswertes durch die Schwester.

Was heute meist geschieht, ist eine punktuelle Bewertung des Lebens, des Lebens- abschnittes, der von Invalidität ( lat. schwach, hinfällig; dienst- u. arbeitsunfähig) geprägt ist. Eine derartige selektive Wahrnehmung erlebte ich auch bei einem Rettungssanitäter, der einen älteren, orientierten Herrn von zu Hause abholte und nicht verstand, wie “man” in so einem (unmöglichen) Zustand zu Hause leben kann, zumal alleine, besonders in der Nacht. Die Biographie des Patienten kannte er nicht, dennoch urteilte er.

Die Invalidität trifft auch auf die erste Lebensphase zu, auf die Neugeborenen. Zum Unter- schied zu den alten Menschen haben diese jedoch eine sehr positive Prognose, sie haben zumindest “potentiellen Wert” – für die Gesellschaft, das beginnende Leben ist voller Hoffnung. Welche Hoffnung aber haben die Todgeweihten?

Neben der Invalidität ist für die Bewertung des Lebens offensichtlich auch die Zukunfts- perspektive entscheidend. Wenn ein Arzt einen krebskranken Menschen als “hoffnungs- losen Fall” beschreibt, überträgt er seinen Erkenntnisstand, nämlich, daß diese Krebs- krankheit mit medizinischen Mitteln nicht heilbar ist, auf den ganzen Menschen, der darauf- hin gefälligst akzeptieren soll, daß es keine Hoffnung mehr für ihn gibt.

Paradoxerweise fängt aber die Hoffnung sehr oft gerade dort an, wo es “objektiv” keine Aussicht mehr gibt. Es scheint zwei Qualitäten von Hoffnung zu geben. Die eine, die sich ausschließlich auf menschliche Möglichkeiten und Fähigkeiten stützt, die andere, die die Grenzen menschlicher Erfahrung und der sinnlich erkennbaren Welt überschreitet. Diese Transzendenz in der Hoffnung ist wohl bei allen Menschen ab einem gewissen Reflexions- vermögen latent bis offen, potentiell bis aktuell vorhanden, nicht erst bei “hoffnungslosen Fällen”.

Sinnbedürfnis

Es ist eine allgemein menschliche Erfahrung, daß der Sinn des Vorhandenen in Frage ge- stellt wird, daß es “ein natürliches Sinnbedürfnis des Menschen gibt” (V. Frankl). Dieses grundlegende Sinnbedürfnis wächst gerade bei den zunehmend “Erlahmenden”, die durch Verlusterlebnisse (von Selbständigkeit bis Lebenspartner), Schuldgefühle (Leiden als “Bestrafung”) und innere Not besonders herausgefordert sind.

Sehr eindrücklich ist mir ein Patient in Erinnerung, den ich während des Zivildienstes pflegte. Er litt an multiplen Wirbeleinbrüchen und war faktisch bewegungsunfähig bzw. hatte er trotz hoher Schmerzmedikation bei jeder Lagerung und auch in Ruhe starke Schmerzen. Zunächst bettelte er bei jeder Visite um stärkere Schmerzmittel, die Auflehnung gegen sein Leid war deutlich.

Als alle Versuche der Analgesie (Schmerzbehebung) nichts brachten, erlebte ich eine Änderung in seinem Verhalten. Er wurde insgesamt ruhiger, sein Jammern über die Schmerzen vermischte sich mit lateinischen Gebeten, das Gesicht verlor an (Ver-) Spannung. Er hatte in seinen Zustand eingewilligt, ihn angenommen. Kraft seiner Hoffnung, jener, die nicht von Ärzten gegeben werden konnte, sondern jener, die das Weiterleben ermöglicht, war sein Lebens-Sinnbedürfnis erfüllt.

Würde

Schmerzen sind ein Argument, dem Leben den Wert abzuerkennen, vermeintlich fehlende Perspektiven ein anderer. Auch der Verlust der menschlichen Würde angesichts medizin- isch unabänderlicher Leiden wird oft ins Feld geführt, um den Unwert solchen Lebens zu begründen.

Besonders in der Debatte um die Sterbehilfe zeigt sich, daß das klassische Würde- verständnis, das der abendländischen Menschenrechtstradition zugrunde liegt, unter der Hand durch ein anderes ersetzt wird.

“ Trotz allen Mitteln, die für Lebensverlängerung heute zur Verfügung stehen, gibt es weiter- hin unheilbare Krankheiten, welche mit fortschreitender Entwicklung die Würde des Menschen in schwerer Weise beeinträchtigen. Angesichts dieserTatsache haben in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen den Wunsch, selber über ihr Ende mit- bestimmen und in Würde sterben zu können.” (Antrag auf Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe durch Nationalrat Victor Ruffy, Schweiz 1984)

Dieser Argumentationsweise liegen 3 Annahmen zugrunde:

Menschenwürde ist grundsätzlich verlierbar; sie kann durch unheilbare Krankheiten “in schwerer Weise beeinträchtigt werden”.

Der Würdeverlust hat damit zu tun, daß eine Person ihre Autonomie nicht mehr wahrnehmen, nicht mehr “selber über ihr Ende mitbestimmen” kann.

Ein schweres Leiden erscheint als “nur mehr sinnlos”.

Nach diesem heute geläufigen Verständnis hängt Würde von inneren und äußeren Faktor- en ab, die die Situation eines Menschen ausmachen. So werden, wie z.T. schon angeführt, starke Schmerzen, körperliche oder geistige Behinderung, Abhängigkeit von fremder Hilfe, Verlust der Selbstkontrolle und der Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen, als ent- würdigend empfunden.

Die klassische, abendländische Tradition des Würdebegriffes unterscheidet zwischen einer inhärenten Würde als Seinsbestimmung, die dem Menschen kraft seines Mensch- seins zukommt, unabhängig davon, was er tut und unter welchen Bedingungen er lebt, und einer kontingenten Würde, die vom Tun eines Menschen, von seinem sozialen Status oder von seinen Lebensumständen abhängt.

Wir laufen Gefahr, die Würde von Leidenden und Sterbenden nicht mehr als inhärent ge- geben und daher als unverlierbar anzusehen, was den Abfall des “Kurswertes” mensch- lichen Lebens in bestimmten Situationen zur Folge hat.

Autonomie

Ein selbstbestimmtes Leben führen, ein Leben in Autonomie, setzt voraus, geistig und körperlich dazu in der Lage zu sein und wird erst sinnvoll innerhalb einer Gemeinschaft. So hoch der Wert von Autonomie ist, so sehr gilt es, Grenzen wahrzunehmen. Einerseits den geistig-körperlichen Abbau eines Menschen (“Verlust der Geschäftsfähigkeit”), anderer- seits die Verantwortung gegenüber Mitmenschen, gegenüber einer Gemeinschaft.

"Wir haben immer zusammengehalten, auch wenn es manchmal sehr schwer war!” Solche Aussagen kommen von Hochbetagten, deren freie Entscheidung zum Zusammenleben auch das Vertrauen auf fürsorgliche Betreuung durch den Partner beinhaltet. Da ist die Überzeugung und die Erfahrung, daß es in schweren Zeiten zusammen leichter geht und es ist keine Rede von Würdeverlust, denn weder wird diese dem Partner abgesprochen, noch fühlt sich der / die Leidende entwürdigend betreut.

Die Befürchtung ist nicht von der Hand zu weisen, daß eine Gesellschaft, welche die Wahr- ung der Autonomie durch Selbstbestimmung als Voraussetzung der Würde versteht, un- weigerlich einen (unmenschlichen) Druck auf leidende, insbesondere totkranke Menschen erzeugt. Gewinnt die Vorstellung vom autonomen, selbstverantworteten Sterben in unserer Gesellschaft normative Kraft, müssen alle, die ihr Sterben erleiden, damit rechnen, daß ihnen etwas von ihrer Würde abgesprochen wird.

Sinnlos?

Die Frage schließlich nach dem Sinn des Leidens kann nicht losgelöst von der Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt werden. Auffallend ist die sehr unterschiedliche Leidtoleranz der Leidenden selbst bzw. der Umgebung. Ein typisches Phänomen ist etwa das An- wachsen von Schmerzen physischer und psychischer Natur während der Nacht, die an sich schon als Metapher für den Ur-Leidenszustand steht (Einsamkeit, Sichtlosigkeit).

Die Umgebung - besonders die säkular geformte - setzt nicht nur nach jeweiligen neuen Erkenntnissen fest, was als Leid oder “schweres Leiden” zu gelten hat, sie maßt sich auch an, beurteilen zu können, was sinnvoll oder sinnlos ist. Solcherart entsteht eine Lobby des Lebensunwertes! Dem gegenüber hat es die “Prophetie der Behinderten” immer schwerer, anerkannt zu werden, hält sie uns Menschen doch vor Augen, wie beschränkt wir sind, selbst, wenn wir (noch) nicht im Rollstuhl sitzen.

Möge der Lebenswert keine “Währungsumstellung” erfahren und zum Handelsobjekt werden, zu einer Größe des Marktes, und möge uns der Tod erst nach dem Sterben ereilen!