Kultur des Sterbens

von DGKP Markus Degener

"Sterben ist die letzte Phase des Lebens, in der dieses verlischt; der Tod stellt den End- punkt des Sterbens und Zustand des eindeutigen Nichtmehrlebens eines Organismus dar, der dann als Leiche bezeichnet wird... . Für den Menschen sind Sterben und Tod nicht ein- fach ein biologisches Faktum, sondern aufgrund der bewußten Reflexion über Bestimmung und Sinn seines Daseins ein existentielles Grundproblem... ."

In Religionen und philosophischen Weltanschauungen haben Sterben und Tod eine trag- ende Rolle und werden für den Menschen als grundlegend bedeutsam angesehen. So, wie die Gesellschaft in der wir leben tagtäglich unsere Lebensform bestimmt, so hat sie auch maßgeblichen Einfluß auf den Umgang mit Sterben und Tod.

Das Leben bringt es mit sich, daß eine Bewegung vorhanden ist. Ohne Bewegung gibt es kein Leben. Das heißt, daß auch die Gesellschaft einem ständigen Wandel unterworfen ist. Am Beispiel der letzten einhundert Jahre kann man diesen Wandel auch im Hinblick auf das Sterben deutlich erkennen. Bedingt durch die Industrielle Revolution, mit tiefgreifenden Veränderungen in Wissen- schaft, Technik und Kultur einher gingen, haben sich die Familienformen und deren sozialer Auftrag stark geändert.

Das Sterben gehörte früher unmittelbar zum Leben in einer Familie. Genauso wie die Geburt, wurde das Sterben weitgehend in der Familie erlebt. Und so erlebte ein Kind von klein auf die Erfahrung, was Sterben bedeutet. Damit konnte die Einstellung zum Tod eher durch eigenes Erleben bestimmt werden als heute. Auch wurden Schwerkranke meist zu Hause umsorgt und spürten die Fürsorge und Anteilnahme der Familienangehörigen bis zur letzten Lebensstunde. Da der Medizin noch nicht die diagnostischen Möglichkeiten von heute zur Verfügung standen, waren Seuchen und Krankheit mehr an der Tagesordnung als heute. Mangelnde hygienische Bedingungen, Hunger und Kriege erhöhten die Sterblich- keit, wie vieles andere mehr.

Heute hat sich das Durchschnittsalter im Gegensatz zu vor einhundert Jahren nahezu ver- doppelt (1875 35-40 Jahre, nun 70-76 Jahre). Wenn auch der Mensch in den letzten 100 Jahren besonders in den westlichen Industrieländern sensationelle Fortschritte erreicht hat, so ist leider nicht zu verkennen, daß gerade in den sozialen Belangen des Menschen gegenläufige Tendenzen sichtbar wurden. Dies ist insbesondere in dem geänderten Bild der Familie aber auch an der Würdigung und Achtung unseres Berufes sichtbar.

Das Sterben wurde immer mehr aus dem Leben der Familie verbannt. Selbst ein Reden über den Tod und das Sterben wird tabuisiert. So kommt es, daß eine Vorbereitung auf den Tod immer seltener von Menschen unternommen wird, und dann dieser, wenn er nahe ist, schwerer schockieren kann, als in früherer Zeit. Unfälle, Naturkatastrophen, Kriege aber auch Western und Kriminalfilme flimmern zwar täglich auf unseren Fernsehbildschirmen; Reality-Shows sind der neueste Renner - doch schafft dies eigentlich mehr Distanz zu Tod und Sterben. Es sind ja Fremde, die da sterben - der Tod wird als solcher fremd.

Das führt soweit, daß selbst in Todesannoncen das Wort "Tod" umschrieben wird, mit weniger verfänglichen Worten, wie "Erlösung", "Abschied" oder "Verlust". Gerade jüngeren Menschen wird die eigene Begrenztheit ihres Lebens nicht mehr so stark bewußt. Würde einem Jugendlichen oder Menschen mittleren Alters nicht zuletzt durch die Werbung (zum Beispiel für Kosmetika) ewige Jugend vorgegaukelt, dann wäre ihm seine Sterblichkeit viel bewußter. So ist es möglich, daß weniger Oberflächlichkeit und mehr Erfüllung im Alltag als Ergebnis einer Änderung der Lebensgestaltung und -planung herauskämen.

Eine indische Weisheit sagt dazu: "Nicht dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zufügen.". Dies heißt nicht mehr, als daß es darauf ankommt, seine begrenzte Zeit auf Erden in vollen Zügen zu leben. Mehr und mehr übernimmt der Staat und die Kirche sowie Wohlfahrtsverbände und private Einrichtungen die Pflege von alten Menschen und damit auch von Sterbenden. Das Sterben wird meist aus den Familien hinaus verlagert in die Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime. Dazu kommt, daß Nachbarschaftshilfe immer kleiner geschrieben wird und durch zu kleine Wohnungen eine Pflege von Familien- mitgliedern schwierig, oftmals undurchführbar ist.

Kulturkreis und Weltanschauung bestimmen den Umgang mit dem Tod nachhaltig und zeigen auch verschiedene Möglichkeiten auf, mit dieser Erfahrung umzugehen. So gibt es Völker, die den Tod gar nicht als so abschreckend empfinden. Besonders in latein- amerikanischen Ländern wird ausgiebig aus Freude für den Toten tagelang gefeiert. Doch gibt es Ureinwohner die panisch die Flucht von ihren Wohnstätten ergreifen oder diese vor- her noch in Brand setzen, wenn ein Stammesmitglied verstorben ist. Genauso sind Be- richte veröffentlicht worden über Riten der Selbsttötung und Tötung durch Angehörige im Alter, die vom Betreffenden selbst beauftragt oder erzwungen wurde, um in das erhoffte bessere Jenseits zu gelangen.

Auch wird der Sterbende ganz anders mit seinem Tod umgehen können, wenn er wie im Buddhismus an die "Samsara" - die Wandelwelt, also an die Wiedergeburt glaubt; oder der Christ, der das Ewige Leben erhoffen darf. Selbst der Atheist wird irgendwie mit seinem Leben abschließen.

An diesen wenigen Beispielen sieht man schon, wie variabel, komplex und vielgestaltig die Sicht auf Sterben und Tod durch Kultur und Religion sowie von Mensch zu Mensch unter- schiedlich sein kann. Im Allgemeinen kann man sagen, daß ein Gläubiger oft leichter mit dem Sterben umgehen kann als ein Nichtgläubiger. Es sei denn, er meint die Maßstäbe seiner Religion (im Christentum u.a. die Zehn Gebote) nicht immer oder nicht hinreichend erfüllt zu haben, und dies einen tiefen Gewissenskonflikt bei ihm auslöst. Andererseits kann der Gläubige sich auch leichter von seinen Angehörigen trennen, wenn er weiß, sie im Jenseits wieder zu treffen.

Rund neunzig Prozent der Bundesbürger wünschen sich zu Hause zu sterben. Die Realität sieht aber so aus, daß mehr als die Hälfte ihr Leben im Krankenhaus beenden. Das An- spruchsdenken an Krankenhäuser und deren Mitarbeiter wird in der Bevölkerung immer größer. Es wird nicht nur erwartet, die rein technisch-medizinische Aufgabe zu erfüllen, sondern auch die sozialen Mißstände innerhalb der Gesellschaft abzufangen und Tätig- keiten zu übernehmen, die wie bereits erwähnt, früher mehr zu den Familien zustanden. Dabei ist klar, daß im Krankenhaus genau die selben Tabus gelten, wie in der Öffentlich- keit. Das heißt, die Pflegenden sind oft nicht in der Lage dem Menschen in seiner letzten Lebensphase angemessenen Beistand zu geben. Sie verbergen dabei ihre eigenen Ängste, versuchen sich nichts anmerken zu lassen und weichen dem Kranken aus, um nicht ihre Hilflosigkeit preiszugeben. Bei diesen Patienten wird oft die technische Seite der Pflege bis zur Perfektion durchgeführt. Um nicht selbst auf unbequeme Gedanken zu kommen, wird der Patient versachlicht und damit mehr zum Gegenstand erklärt. Das schafft Distanz.

Frau Dr. Kübler-Ross (eine aus der Schweiz stammende Psychiaterin, die nun in den USA lebt und dort sich mit der Sterbeproblematik beschäftigt) schreibt in ihrem Buch "Interviews mit Sterbenden": "... . Vielleicht sehnt er sich nur danach, daß ein einziger Mensch einmal einen Augenblick bei ihm stillhält, damit er ihm eine einzige Frage stellen kann, doch ein Dutzend Leute macht sich rund um ihm zu schaffen, kümmert sich um seine Herz- und Puls- frequenz, um Elektrokardiogramm und Lungenfunktion, um seine Sekrete und Exkremente - nur nicht um ihn als Persönlichkeit... ."

Wichtig ist also, daß die Pflegenden lernen mit dem Tod und Sterben umzugehen. Das ist erlernbar. Eine Möglichkeit dazu ist die Supervision. Dabei ist wichtig, daß sie mit ihrem eigenen Sterben umgehen können. Denn dies reflektiert sich im Verhalten gegenüber dem Todkranken. Ein Zitat von Cicely Saunders heißt in bezug auf den Pflegenden: "Die Sterb- enden brauchen die Freundschaft des Herzens, seine Fähigkeit zur Pflege, zur Annahme ihrer Person und seine Verwundbarkeit. Aber sie brauchen auch den Einsatz aller Kräfte des Verstandes und die beste medizinische Behandlungsweise. Eins ohne das andere reicht nicht aus."

Nicht nur der Sterbende selbst, hat seine Probleme mit seinem Tod, sondern auch dessen Angehörigen. Gerade Männer sind oft nicht in der Lage einen im Sterben liegenden Ange- hörigen richtig zu begleiten. Goethe und auch Freud als Beispiel suchten das Weite, als ihre Väter kurz vorm Tode standen. Sie unternahmen zu diesem Zweck große Reisen, um dem Geschehen fern zu bleiben.

Frauen scheinen es da etwas leichter zu haben, weil sie wohl ihrem Wesen nach emotion- aler reagieren können. Bei verstorbenen Elternteilen ist Trauern für die hinterbliebenen Kinder oft nicht leicht. Das kommt daher, daß der Tod der Eltern der allerletzte Abschied von seiner Kindheit ist, und sei das "Kind" schon selbst im hohen Alter. Dabei scheint es auch keine Rolle zu spielen, ob das Verhältnis zwischen Eltern und Kind in den letzten Jahren als eher lose zu bezeichnen ist.

Das Trauern über mehrere Monate hinweg, wird bei uns als Normalfall angesehen. Doch gibt es immer wieder Menschen, die eine viel längere Zeit für das Trauern benötigen und sie aus Angst vor der Reaktion ihres Umfeldes nicht darüber reden.

In der Zeit des Trauerns verarbeitet und durchlebt der Trauernde die Beziehung zu dem Verstorbenen nochmals, wobei Haß und Liebe die Trauerzeit überdauern können und trotz Tod weiter präsent sind. Ein großes Tabu ist auch die noch weit verbreitete Meinung, daß man über Tote nicht schlecht denken, und noch viel schlimmer reden soll. Manchmal kann das aber sehr nützlich sein, um seiner Seele Luft zu machen.

Da, wie schon erwähnt, die Frage nach dem Danach entscheidend mit der Annehmbarkeit des Todes bei vielen Menschen zusammenhängt, soll dies nochmals kurz dargestellt werden. Die meisten alten Menschen haben ja nicht Angst vor dem Tod an sich, sondern vor dem wie dieser vonstatten gehen wird.

War die Frage nach möglicher Existenz nach dem Tod jahrhundertelang Sache der Religionsgelehrten und Philosophen, so kamen in letzter zeit auch wenige Ärzte dazu, so etwas von ihrem Standpunkt aus für möglich zu halten. Diese Ärzte kann man wohl fast ausnahmslos esoterischen Strömungen zurechnen.

Oft sehr fadenscheinig werden Be- richte über Menschen veröffentlicht, die das Sterben bis an die Schwelle des absoluten Todes durchlebten. Durch Reanimation konnten sie wieder zum Leben zurückgebracht werden. Diese Menschen schildern dabei ihre Erlebnisse, die sie während dieser Zeit hatten. Viel eher anzunehmen ist, als das dies wirkliche Begeben- heiten sind, daß manche Sterbende in Phasen der Verwirrtheit Trugwahrnehmungen er- leben. Das kann soweit gehen, daß Sterbende das Gefühl haben, vom Körper befreit zu sein.

Um adäquat einem Sterbenden helfen zu können, kommt man nicht herum, sich mit seiner eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen und diese auch zu akzeptieren zu können. Es ist dabei wichtig gesellschaftliche Zwänge zu erkennen und wenn nötig auch mal "gegen den Strom zu schwimmen", um soziale Kälte nicht aufkommen zu lassen. Denn vor dem eigentlichen Tod ist oft der soziale Tod eines Menschen harte Realität.