von DGKP Bernhard Stapel
Entwicklung des Todesbildes in der Geschichte In allen alten Hochkulturen hatte der Tod eine wichtige Bedeutung. Aus den Grabbeigaben, zB. die
der alten Ägypter, können wir erkennen, daß der Tod nicht als ein Ende gesehen wurde, sondern daß man auf ein "Leben danach" vertraute - in welcher Form auch immer. Der Tod wurde als Begleiter des Lebens akzeptiert. Auch die Menschen des Mittelalters rechneten selbstverständlich mit dem Tod. Er kam von Gott und wurde daher gläubig angenommen als ein Teil des Lebens. Durch die damals noch sehr hohe Sterblichkeitsrate (Seuchen,
Hungersnöte, große Schwangerschafts- risken,...) waren das Sterben, das Leid und der Tod allgegenwärtig, man war darauf gefaßt und in gewissem Sinne ihm auch gleichgültig gegenüber. Dennoch: Durch Riten und Zeremonien waren der Tod
und das Sterben eingebettet in die Gemeinschaft. Der Tod war zu jener Zeit "öffentlich". Familie (auch die Kinder!), Freunde, Nachbarn und natürlich ein Priester versammelten sich um das Bett des Sterbenden,
bis zuletzt wurde noch mit ihm gesprochen, bis zuletzt war er noch integriert in sein gesellschaftliches und soziales Umfeld. Nach dem Eintritt des Todes wurde die Sterbeglocke geläutet, der Tote wurde von der Familie gewaschen,
angekleidet und im Haus aufgebahrt. Öffentliche Bekanntmachung, Totenklage, Einsargung, Leichenzug,... Trauerkleidung und Trauer- und Trostrituale zeigen wie sehr der Tod damals noch eingebunden war in die Gemeinschaft. Reste davon
können wir auch noch heute finden, wenn auch eher in ländlichen Gegenden. Ab dem Hochmittelalter sah man das Leben immer weniger als eine Zwischenstation auf dem Weg zur ewigen Seligkeit an; Die Betonung lag vielmehr
immer mehr auf dem dies- seitigen Leben und der Tod wurde als ein Ende empfunden. Sterben wurde immer mehr und mehr aus dem öffentlichen Raum herausgehalten und die Gesellschaft war auch immer weniger daran interessiert an der
emotionalen Betroffenheit der Leidenden teilzunehmen. Die Unpopularität des Todes in der modernen Gesellschaft Noch heute ist der Tod eines der Tabuthemen unserer Gesellschaft. Das menschliche
Sterben ist zum größten Teil von der Familie an das Krankenhaus delegiert worden. In Ballungsgebieten und Großstädten sterben 90% der Bevölkerung in Krankenhäusern oder ähnlichen Einrichtungen. Und das, obwohl wiederum 90% lieber
zu Hause sterben würden. "Durch dieses Abschieben erfahren wir den Tod nicht mehr als natürlichen Bestandteil des Lebens". Er begegnet uns mehr in den Medien. Diese Bilder stumpfen uns ab, sie sind nicht
wirklich greifbar für uns, sie befriedigen höchstens unsere Sensationslust. 40% aller schwedischen Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren glauben, daß der Mensch nur durch Mord oder Totschlag stirbt! Ein Jugendlicher
kann heute das Erwachsenenalter erreichen, ohne jemals persönlich mit dem Tod in Berührung gekommen zu sein. Schockierende Fakten! Es scheint fast so, als wären Sterbende, aber auch Kranke, Behinderte, ein Störfaktor in unserer
leistungs- orientierten Gesellschaft. Ein anderer Punkt der uns im Umgang mit dem Tod sicherlich verunsichert, ist "der weit- gehende Verlust von Jenseitsvorstellungen". Dadurch, daß wir uns immer weniger mit
dem Tod - mit unserem Tod - auseinandersetzen, ihn immer weiter verdrängen und ihn schein- bar mit Hilfe der modernen Medizin auch immer länger hinausschieben können, bildet sich bei uns ein immer größeres Gefühl von
"Lebenssicherheit" heraus. Die Folge ist ein Tod mitten im Leben. Er wird zu einer heimtückischen Macht, von der man nicht mehr weiß wie man ihr begegnen kann. "Das Leben wird zum Überleben. Die ver-
drängte Todesangst wird zur Lebensangst Vorstellungen über das Jenseits Was erwartet mich?
Erlösung, Verdammnis, Wiedergeburt, ewiges Leben im Paradies oder in der Unter- welt, das jüngste Gericht. Werde ich bezahlen für meine (Tod)-Sünden?
Wer kommt mich holen?
Der schöne geflügelte Jüngling Thanatos vereint mit seinem Bruder Hypnos der mich sanft in die Welt der Toten begleitet oder das häßliche Gerippe mit Sense und Sanduhr.
Wie kommt der Tod?
"Ich bin der grimmige Tod genannt/ den Pfeil trage ich in meiner Hand/ der Pfeil ist ebenso stark/ und dringt den Menschen durch Bein und Mark/....... er sei jung, alt, arm oder reich/ das ist mir alles
gleich......."
La Danse Macabre "1425. Friedhof zu Aux SS. Innocents in Paris. Populärer Treffpunkt Adeliger wie Bürger. Zugleich Markt, Promenade und Asylbezirk. Alchimisten, Prediger und dubiose Händler
finden hier ihre Zuhörer. Und sie kommen, um zu reden, zu feilschen, um zu tanzen. Man flaniert entlang den Beinhäusern, durch die Arkaden des Kreuzganges, betrachtet Bestattungen und Exhumierungen. Um den neuen
Gräbern Platz zu machen, stapelt man die Schädel und die Gebeine oft halbverwester Leichen in die Charniers, die Speicher oberhalb des umlaufenden Säulen- ganges. Der Andrang ist groß, denn 20 Gemeinden besitzen das Recht, hier
ihre Toten zu beerdigen. Das geschäftige Treiben, das Spiel illustrer Gesellschaften und das heimliche Rendezvous im Schatten des Kreuzganges, beäugt von Tod und Verwesung. Doch mehr als das Bild der aufgetürmten
Schädel mit ihren klaffenden Kiefern zwingt ein anderes die Augen der Promenierenden, der Obdachlosen und Lichtscheuen in seinen Bann: la Danse Macabre - der Totentanz. .......Der Tod als Reigenführer zieht Männer und Frauen, Jung
und Alt, Kaiser wie Bettler, Papst und Metze unwiderstehlich in seinen Tanz." Leben bis zuletzt Die Betonung darauf, daß auch ein sterbender Mensch noch lebt, ist mir sehr wichtig. Gerade
Sterbenden werden oft die grundlegendsten menschlichen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte abgesprochen. Ein angenehme Umgebung, Nähe und Zärtlichkeit und das Recht auf Privatsphäre, Wahrheit und Respekt. Natürlich
wird man auf Grund der Krankheit, die dem Betroffenen nicht mehr die volle Bewegungs-, Konzentrations- oder Kommunikationsfähigkeit läßt, oft auf Alternativen ausweichen müssen, man wird zB. verschiedenste Angebote dem körperlichen
Zustand anpassen müssen. Das bedeutet eine mit gegenseitigem Respekt getragene intensive Auseinandersetzung mit dem Sterbenden. Nicht zuletzt ist es wichtig dem Sterbenskranken mit der selben Ungehemmtheit und
Selbstverständlichkeit gegenüberzutreten wie bei jedem anderen "normalen" Menschen. Loslassen können "Die Erkenntnis, immer wieder loslassen zu müssen, kann uns dazu bringen, uns so
inten- siv als möglich einzulassen, auf Beziehungen, auf das Leben. Gerade das wehmütige Gefühl, das die Abschiedlichkeit in uns auslöst, kann in uns auch die lebendigsten Gefühle für das Leben und das Lebendige wecken:
Lebensleidenschaft." (Verena Kast) Memento Mori - Der Sterbende In den vielen lehrreichen Begleitungen habe ich die Erfahrung gemacht, daß ich nicht weiß, wann ein Mensch bereit ist zu sterben
oder den Tod zulassen kann. Die Hospizidee nach Cicely Sauders und die Umsetzung durch ein Palliative Care Team, ist eine gelungene Reform der mittelalterlichen Ars moriendi . Frei von religiösen Dogmen kann sie das nötige Umfeld
für den Menschen schaffen, den Tod als natürlichen Endpunkt des Lebens zu betrachten, den es nicht zu bekämpfen gilt, sondern anzunehmen. Wann stirbt ein Mensch, wann kann er vom Leben lassen? Hier
nun einen Versuch Licht und Schatten auf das bewegende Thema zu werfen. Ein sehr bekanntes Erklärungsmodell ist, daß ein Mensch erst sterben kann, wenn er mit sich und seiner Umwelt im Reinen ist und ihm seine Ängst genommen und
seine Sorgen befriedet sind. Das Leben abschließen zu können, in Frieden und befriedet vom Leben scheiden zu können ist ein schöner und harmonischer Ansatz. Eine Gefahr sehe ich bei dem zu hohen Anspruch, der sowohl für den
Betroffenen, als auch für den (Sterbe)-Begleiter zu einer zusätzlichen Belastung führen kann, insbsondere wenn man diesem Idelabild nicht entsprechen kann, oder einem die Zeit davonläuft. Eine schöne Beschreibung kommt
von Kathi Dolanski, die diesen hohen Anspruch etwas verkleinert und die letzte Phase des Sterbens mit dem Einschlafen vergleicht.
"Wenn mich etwas belastet oder ein Erlebnis des Tages noch nicht abgeschlossen ist, dann kann ich nicht einschlafen; ich werde mich solange herumwälzen, bis ich noch mal aufstehe, vielleicht ein bißchen
frische Luft schnappe, den Tag abschließe und dann in Ruhe einschlafe. Oder ich wälze mich solange herum bis mich der Schlaf überwältigt, weil meine körperlichen Bedürfnisse einfach größer waren. In diesem Fall werde ich
allerdings sehr unruhig und schlecht schlafen."
Heinrich Pera, schreibt zu dem Thema "Was leben und was sterben läßt":
"Der Mensch kann nur Mensch werden, wenn nach seiner Geburt Menschen da sind, für ihn, mit ihm. Er kann sich aus seinem Leben als Mensch nur verabschieden, wenn er in seinem Sterben nicht allein ist, sondern
jemand da ist, für ihn, mit ihm." Auch diese Worte, so tröstlich sie auch sind, können gerade für Angehörige zu einer großen Überlastung führen oder sie verzweifeln lassen, wenn sie beim Zeitpunkt des Todes nicht anwesend
waren oder sein konnten.
Auch Hilde Domin macht es uns auch nicht gerade leichter, wenn sie schreibt
"Die schwersten Wege werden alleine gegangen, die Enttäuschung, der Verlust, das Opfer sind einsam...."
Ich kann nur sagen, daß ich nichts weiß. Meine Deutungen reichen von biologischen Begründungen bis zur göttlichen Vorsehung. Die Wahrheit liegt vielleicht in der Mitte |
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