Klartext reden – Christian Luksch

In der letzten Ausgabe des Pflegenetz-Magazins erschien ein Beitrag von Christian Luksch unter der Kolummne pflegenetz.kritisch mit dem Titel „Es bleibt alles ganz anders – Österreich nach der Wahl 2019“.

Mal ganz abgesehen davon, dass wir das Pflegenetz Magazin grundsätzlich als Abo für alle Pflegenden in Österreich empfehlen bringen wir gerne auch hier diesen Beitrag in seiner Originalversion:

Österreich hat gewählt. Drei Tage bevor der Autor dieses Beitrages denselben schreibt, stimmen 75% der Wahlberechtigten für eine der fünf angetretenen Parteien. Das Ergebnis ist bekannt. Nun stehen dem Wahlsieger harte Verhandlungen bevor, um eine Regierung zu bilden. Probleme, die eine solche zu lösen hat, gibt es zuhauf. Eines davon läuft unter dem Begriff „Pflege“.

Dieses war auch bereits im Wahlkampf Thema. Zwar kein so heiß umstrittenes wie der politische Rechtsruck und seine Ursachen, der Klimawandel und seine Folgen, die auch hierzulande schon fast akzeptierte Korruption in so gut wie allen Bereichen oder gar die Doppelnamen von Politikerinnen – aber doch: Es wurde über Pflege diskutiert. Und es war interessant diesen Diskussionen zuzuhören aber auch recht mühsam, dabei die Contenance zu bewahren.

Bereits was unter dem Begriff der Pflege zu verstehen ist, bzw. was ein jeder, der sich darüber zu reden berufen fühlt, darunter verstanden haben möchte, ist einen Parcoursritt durch den Dschungel von Unverständnis und Halbwahrheiten. Da wurde von 24-Stunden-Pflege geredet, und 24-Stunden-Betreuung gemeint, von einer Entlohnung pflegender Angehöriger sogar, wo das Pflegegeld nach 25 (in Worten: fünfundzwanzig!) Jahren kein einziges Mal valorisiert wurde, selbst davon, die endlich akademisierte Pflege als Lehrberuf zu installieren.

Da diskutierten Maturanten Masterpläne, Ärztinnen arbeiteten am Pflegeprozess, Sanitätsräte entdeckten die Demographie, Volkswirte die Weltwirtschaft, Personalvertreter feierten homöopathische Gehaltssteigerungen, Betriebswirte beklagten die Lohnnebenkosten, von fehlenden Pflegekräften war da die Rede, von aggressiven Patienten, von desolaten Krankenhäusern und und und

Theatrum politicum

In der psychiatrischen Pflege, kennen wir den Begriff des „theatrum medicum“, einer – in der Regel wohlüberlegten – Intervention eines interdisziplinären Teams, in der bestimmten Patient*innen mit einer vermehrten Zuwendung begegnet wird, um diesen zu zeigen, dass alles Mögliche getan werde, ihnen zu helfen. Die Absicht dahinter ist das Herstellen einer größtmöglichen Akzeptanz für Maßnahmen, die für die Betroffenen mit großen Ängsten verbunden sein könnten.

Nach 37 Jahren Arbeit im psychiatrischen Kontext gelingt es dem Autor schon lange nicht mehr, die psychopathologische Brille im Alltag abzulegen, bzw. die sogenannten „normalen“ Vorgänge nicht durch diese zu sehen und zu interpretieren. Das Bild des theatrum medicums – hier jedoch besser „theatrum politicum“, weil die Intension der Interventionen keine therapeutische, sondern eine politische ist – war in all diesen Diskussionen derart dominant, dass gar keine andere Erklärung mehr überbleibt, als jene, die in der erstaunten Frage zusammenzufassen ist „Worum geht es hier eigentlich wirklich?“

Sind es tatsächlich die oben angeführten Punkte, die ernsthaft diskutiert werden sollten (was wir in der Pflege ohnehin schon seit Jahrzehnten tun – freilich mit eher bescheidener Resonanz)? Geht es hier wirklich um Wertschätzung von informeller und professioneller Pflege? Um die Herstellung von Gesundheit und Vermeidung von Krankheit? Um die Erfüllung des Generationenvertrages? Um gerechte Arbeitsbedingungen in einer der anstrengendsten Dienstleistungen eines Sozialstaates?

Oder sind die tatsächlichen Interessen vielleicht in einem ganz anderen Bereich zu suchen, einem der das Wörtchen „sozial“ lediglich in sedativer Absicht mit dem Wort „Marktwirtschaft“ verbindet, sonst aber eher als eine Art „romantische Fantasie antiquierter Linker“ toleriert, die man sich halt leisten kann, wenn man möchte, aber auch nicht unbedingt muss. Zur Erinnerung: Wir leben in einer Zeit in der das Retten Ertrinkender von führenden europäischen Politikern als Verbrechen bezeichnet wird!

Verdeckte Interessen

Keine Geringere drückte es direkter und gleichzeitig unverschämter aus, worum es hier wirklich geht, als Christine Lagarde, ehemalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds und vor kurzem vom Rat der EU-Finanzminister als Präsidentin der Europäischen Zentralbank nominiert: „Ältere Menschen leben zu lange und das ist ein Risiko für die Weltwirtschaft, etwas muss getan werden!“[1]

Dagegen muten die sattsam bekannten Ansagen der österreichischen Wirtschaftskammer („Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“) oder die halblustigen Einlagen der letzten Sozialministerin („Wer schafft die Arbeit?“) bis hin zum selbstverräterischen Wahlslogan der FPÖ („Unser Geld für unsere Leut‘!“) als eher patschert formulierte Bonmots an, die aber umso mehr an Brisanz gewinnen, je mehr man nachforscht, wessen Interessen diese Parteien tatsächlich vertreten.

Freilich halten sich Frau Lagard und ihre Apologeten bezüglich dessen, was konkret getan werden muss, um das „Langlebigkeitsrisiko“ (© by Josě Viñals, IWF- Ökonom) zu minimieren, noch dezent zurück, manche Lösungsansätze entfleuchen aber schon jetzt den feschen Plakatgesichtern, wenn sie sich unter ihresgleichen dünken. Auch unser zukünftiger und ehemaliger Kanzler orakelte bereits bei einer Wahlveranstaltung für Wirtschafstreibende: „Es wird schmerzhafte Einschnitte geben müssen, denn die Menschen leben länger und das derzeitige Pensionsantrittsalter wird nicht haltbar sein.“

Interessante Zeiten

Will heißen, liebe 30- und 40jährige: Ihr werdet erst mit 67, eher später, euren Ruhestand antreten. Oder, wie es ein Freund des Autors, seit 38 Jahren Zimmermann, ausdrückte: „Dann können sie dich gleich von der Baustelle auf den Friedhof bringen.“ Durchaus möglich. In Deutschland ist die Rente ab 67 bereits Realität, in ihrer jetzigen Form aber nur mehr bis 2025 gesichert[2]. Die Altersarmut ist da miteingeplant, ihre gesundheitlichen Folgen in Kauf genommen, alternative Finanzierungsmodelle – von der Vermögens- bis zur Finanztransaktionssteuer werden nicht einmal ansatzweise diskutiert.

Ein weiteres Projekt der kommenden türkisen Regierung wird die vollmundig als „5. Säule des Sozialversicherungssystems“ hochgepriesene Pflegeversicherung werden. Auch hier liegen eher freudlose Erfahrungen aus Deutschland vor: Mit ein Grund für den krassen Pflegenotstand beim Nachbarn: dass über die Pflegeversicherung vorwiegend private Pflegebetriebe gefördert wurden, die wiederum globalisierten und milliardenschweren Finanzunternehmen wie der schwedischen Nordic Capital (Alloheim) oder der französischen Orpea-Gruppe (Senecura) angehören,[3].

Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ lautet ein chinesischer Fluch. Genau das tun wir jetzt: das Klima der Erde wird heißer, das zwischenmenschliche kälter. Wer damit kein Problem hat, kann sich ja im Jammerfasten üben, wie letztens (und natürlich rein zufällig genau während des Wahlkampfes) von einem Pflege-Studiengangsleiter einer FH initiiert. Menschen, denen das nicht so gefällt, stehen hingegen auf und mischen sich ein. Sichtbar und Hörbar. Jetzt und jederzeit. Ein Kreuzchen alle fünf Jahre neben dem Gesicht mit der teuersten Frisur zu malen, ist nämlich definitiv zu wenig.

[1] Quelle: https://snap4face.com/, abgerufen am 3. 10. 2019

[2] Quelle: Zeit online vom 20. 8. 2019

[3] Quelle: Wiener Zeitung vom 17. 8. 2019