Pruritus – wem juckt das schon?

Pruritus (Juckreiz) ist das häufigste Symptom in der Dermatologie. Definiert ist es als unangenehme Sinneswahrnehmung, die mit dem Bedürfnis einer mechanischen Reizantwort (Kratzen) beantwortet wird. 13,5% der Bevölkerung betrifft das Phänomen, die Prävalenz steigt im Alter massiv an. Dennoch wird es nur selten diagnostiziert.

Insbesondere der chronische Pruritus wird oft „übersehen“ und als „normale“ Alterserscheinung in Folge von trockener Haut mehr oder weniger akzeptiert, was der Lebensqualität alter Menschen mehr als abträglich ist. Pflegekräfte nehmen eine Schlüsselrolle dabei ein – in der Diagnose genau so wie in der Behandlung.

Grundsätzlich wird der akute vom chronischen Pruritus (letzterer ab einer Dauer von 6 Wochen) unterschieden, klinisch der Pruritus cum materia (bei dem die betroffenen Hautstellen primär verändert ist), vom Pruritus sine materia, bei dem keine Veränderungen der Haut feststellbar sind, und der Pruritus mit Kratzläsionen aufgrund deren eine eindeutige Zuordnung zu den ersten beiden Arten nicht mehr möglich ist. Der Ausdruck Pruritus senilis hingegen git als veraltet und sollte nicht mehr verwendet werden.

Die Differenzierung vom akuten zum chronischen Pruritus ist in jedem Fall wichtig, denn die erstere Form spricht in der Regel sehr gut auf Therapien (z. B. cortisonhältige Salben) an und kling rasch wieder ab. Auch stehen üblicherweise keine versteckten Krankheiten dahinter, was beim chronischen Pruritus jedoch sehr oft der Fall ist, weswegen eine fachärztliche Diagnose unbedingt einzuholen ist.

Ursächlich haben viele Erkrankungen aus allen Fachgebieten die Fähigkeit, Juckreiz zu verursachen. Die häufigsten Beispiele sind dabei trockene Haut, atopische Dermatitis, Urtikaria, Psoriasis, chronische Nieren-, Leber- sowie Bluterkrankungen und Arzneimittelreaktionen.

Nach seiner Entstehung wird der Juckreiz in vier Kategorien eingeteilt:

  1. Pruritozeptiver Pruritus entsteht in der Haut oder in den Schleimhäuten selbst, zum Beispiel bei atopischer Dermatitis
  2. Neuropathischer Pruritus kann auftreten, wenn eine afferente Nervenbahn geschädigt ist und die Haut dadurch eine veränderte Sensibilität aufweist, zum Beispiel als Folge einer Herpesinfektion
  3. Neurogener Pruritus entsteht im Rückenmark oder im Gehirn, wenn sich endo- oder exogene Substanzen ansammeln. Diese können als pruritogene Mediatoren wirken, – Botenstoffe, die das Jucken fördern
  4. Psychogener Pruritus kann bei verschiedenen psychiatrischen Leiden auftreten, eine somatische Ursache fehlt. Der psychogene Pruritus spricht in der Regel nicht auf übliche Medikamente an.
Häufige Hautkrankheiten mit Juckreiz:
  • Urtikaria
  • Entzündliche Dermatosen
  • Xerosis cutis (Hauttrockenheit)
  • Ekzemerkrankungen
  • Dermatitis solaris, Photodermatitis
  • Epizoonosen (Skabies, Thrombidiose)
  • Mykosen
Erkrankungen mit Juckreiz ohne primäre Dermatosen:
  • Hepatopathien (insb. Hepatitis C)
  • Endokrine Störungen (wie Hyper- oder Hypothyreose)
  • Hämatologische / lymphoproliferative Krankheiten
  • Neurologische Krankheiten (MS, Insulte)
  • Malignome
  • Infektionen
  • Medikamentenwirkungen
Ursächliche und symptomatische Therapie

Insofern somatiische Ursachen eruiert werden konnten, steht natürlich deren Behandlung im Vordergrund, fankiert von symptomatischen Therapien. Letztere stehen aber gerade dann im Vordergrund, wenn, wie im Alter häufig vorkommend, eine somatische Ursache nicht oder nicht sofort gefunden werden kann.

Vor allem rückfettende Hautpflegecremes sind hier unerlässlich, je nach Hauttyp Lipo- oder Hydrolotionen. Harnstoffzusätze helfen dabei sowohl gegen die Trockenheit als auch gegen den Pruritus. Häufiges Baden oder Duschen sollte vermieden werden, pH-neutrale seifenfreie Waschlotionen sind vorzuziehen. Auch er Aufenthalt in kühlen Räumen oder das Tragen  luftdurchlässiger Kleidung bringt Linderung.

Die Aufgaben der Pflege beim Thema Pruritus sind vielschichtig und umfassend. Das beginnt damit, überhaupt zu erkennen, dass das Symptom vorliegt, denn viele Patient*innen berichten nicht davon und der chronische Pruritus bleibt damit oft unerkannt. Es ist insofern wichtig, dass Pflegende den Hautzustand dieser Patient*innen beobachten, auf Kratzläsionen achten und diese lokal behandeln.

Pflegende sollten in der Anwendung von symptomatischen, topischen „Erste Hilfe“-Maßnahmen geschult sein, um Betroffenen schnell helfen zu können, zum Beispiel mit verordneten Salben oder Cremes. Darüber hinaus muss die Intensität des Juckreizes auch dokumentiert werden, um den Verlauf beobachten zu können. Ist das Symptom erkannt, haben Pflegende eine unterstützende Rolle.

Das betrifft zum Beispiel die Auswahl von Pflegeprodukten, die die Haut nicht zusätzlich reizen und austrocknen oder die Kleidung, da raue Oberflächen zusätzlich scheuern. Aber auch das Ernährungs-verhalten sollte beobachtet werden, da zum Beispiel scharfe Gewürze oder heiße Getränke ebenfalls Pruritus fördern können.

Zusammenfassung

Juckreiz ist ein Symptom, keine eigentliche Erkrankung. Ein effektives, antipruriginöses Medikament ist derzeit noch nicht verfügbar. Bekannt ist es allerdings, dass die Behandlung älterer Patienten mit quälendem Juckreiz auf Grund ihrer physischer und kognitiver Beeinträchtigungen häufig eine echte Herausforderung darstellt.

Die Therapie sollte sich primär an der zugrunde liegenden Erkrankung orientieren. Spielen Arzneimittel bzw. psychogene Faktoren als Aus-löser des Juckreizes eine Rolle, sind diese in die Behandlungsstrategie einzubeziehen. Kann keine zugrunde liegende Ursache gefunden werden, ist eine effektive symptomatische Behandlung anzustreben.

Quellen: