Alt, Arm, Krank – Zum Equal Pension Day

Der Equal-Pay-Day jener Aktionstag, an dem auf die Einkommens-unterschiede zwischen Männern und Frauen hingewiesen wird, fand heuer in Österreich am 26. Februar statt und zeigte, dass Frauen derzeit 57 Tage länger arbeiten müssten, um auf das gleiche Durchschnittsgehalt wie ein Mann zu kommen.

Am 29. Juli hingegen war der österreichische Equal Pension Day. An diesem Tag haben Männer im Durchschnitt bereits so viel Pension erhalten, wie Frauen erst bis Jahresende erhalten werden. Das heißt, dass Frauen im Schnitt nur 57% der Pension von Männern erhalten und damit auch die markantesten Opfer der Altersarmut sind.

Der durchschnittliche Rückstand („Gender Pension Gap“) beträgt bei den 2017 neu zuerkannten Alterspensionen von Frauen 43% zu den Männerpensionen, obwohl sich das Antrittsalter zur Alterspension nur um rund drei Jahre unterscheidet. Lediglich 2% der Frauen erreichen jene 45 Versicherungsjahre, die 80% des durchschnittlichen Monats-einkommens als Pension garantieren.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Weniger Beitragsjahre in der Pensionsversicherung: Frauen haben im Schnitt zehn Beitragsjahre weniger als Männer. Das ist größtenteils dadurch bedingt, dass es vorwiegend die Frauen sind, die ihre Berufs-tätigkeit unterbrechen, um sich der Betreuung von Kindern (aber auch alten und pflegebedürftigen Familienmitgliedern) zu widmen.
  2. Die Lohnschere: Frauen verdienen in Österreich in Vollzeit für die gleiche Tätigkeit 22,2% weniger als Männer in derselben Position, was deutlich über dem EU-Durchschnitt liegt.
  3. Ein segregierter Arbeitsmarkt: Frauen arbeiten oft in sogenannten Frauenbranchen, die wesentlich schlechter bezahlt sind als Branchen, in denen vorwiegend Männer arbeiten.
  4. Die hohen Raten an Teilzeitbeschäftigungen bei Frauen, die meist wiederum aus der Betreuung von Kindern resultiert,

Je länger Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitphasen ausfallen und je niedriger das Brutto-Einkommen, desto niedriger wird auch die Pension und damit das Lebenseinkommen. Unser Sozialsystem „bestraft“ also quasi jene älteren Menschen, die nicht oder weniger über ein Einkommen in das Pensionssystem eingezahlt haben – ungeachtet der Tatsache, dass diese aber die wichtigste Arbeit im Sozialgefüge über Jahre gratis erbracht haben – nämlich die Betreuung von Kindern und Alten, sowie die Reproduktion der (männlichen) Arbeitskraft.

Und provoziert damit – vor allem bei Frauen – Altersarmut, in deren Definition vor allem zwei Dimensionen eine bedeutende Rolle spielen: Einkommensarmut und Materielle Deprivation.

Einkommensarmut: Diese Dimension wird relativ gemessen, d.h. die Armutsschwelle wird in Beziehung zu allen Gesellschaftsmitgliedern errechnet. Als armutsgefährdet werden derzeit jene Menschen bezeichnet, deren Jahreseinkommen unter 14.217 € netto für einen Einpersonenhaushalt (bzw. unter 21.325 € für ein Paar) liegt.

(Erhebliche) materielle Deprivation bezeichnet die Problematik, sich gewisse Aspekte im Leben nicht leisten zu können, wobei davon ausgegangen wird, dass diese zum Lebensstandard in unserer Gesellschaft dazugehören, etwa regelmäßige Zahlungen wie Miete oder Kreditrückzahlungen in den letzten zwölf Monaten rechtzeitig zu begleichen, die Wohnung angemessen warmhalten, jeden zweiten Tag Fleisch zu essen, sich eine Waschmaschine, ein Fernsehgerät oder ein Handy leisten zu können oder einmal im Jahr auf Urlaub fahren.

Zusammen ergeben diese Dimensionen die Anzahl jener Menschen, die von Armut oder (ökonomisch bedingter) sozialer Ausgrenzung betroffen sind. Das betraf laut Statistik Austria im Jahr 2017 nicht weniger als 16% – also 142.000 der insg.869.000 Frauen in Österreich über dem 65. Lebensjahr. (Im Gegensatz dazu waren „nur“ 10% der Männer dieser Altersgruppe armuts- und ausgrenzungsgefährdet.)

Bezogen ausschließlich auf die Armutsgefährdung (also ohne den Faktor der sozialen Ausgrenzung einzubeziehen) sind es – in absoluten Zahlen – mehr als doppelt so viel Frauen wie Männer, (136.000 : 67.000) die von Armutsgefährdung betroffen sind.

Dies hat natürlich auch seine gesundheitlichen Auswirkungen: Wird im Schnitt der Gesundheitszustand von 18% aller über 65jährigen als „schlecht“ oder „sehr schlecht“ beurteilt, sind das bei der Gruppe der armuts- und ausgrenzungsgefährdeten älteren Menschen 23%. Chronisch krank sind letztere zu 64%, im Gegensatz dazu 60% aller Älteren. Kurz gesagt, von Altersarmut betroffene Menschen sind häufiger von einem schlechten Gesundheitszustand betroffen. Und: Armut ist feminisiert.

Was also tun?

Die derzeit von allen politischen Parteien diskutierten unterschied-lichen Lösungsansätze zielen nicht auf eine wesentliche Änderung des bestehenden Sozial- bzw. Pensionssystems ab und auch nicht auf eine kurzfristige Lösung des Problems, denn über allem schwebt wie ein Damoklesschwert die Frage nach der Finanzierung, die allein mit einer Anhebung der Pensionsbeiträge nicht gelöst werden kann

Den Ansatz der (neo)liberalen Wirtschaftspolitik, wie sie von ÖVP und NEOs, bisweilen aber auch von der SPÖ vertreten wird, das Pensions-alter für Frauen (aber nicht nur für diese) anzuheben, bringt den jetzigen über 65jährigen gar nichts und wird, wenn überhaupt erst in zehn bis fünfzehn Jahren aufschlagen. Zu spät für die Generation der Babyboomer, zu spät aber auch hinsichtlich eines kulturellen Wandels, der eine höhere Beteiligung der Männer an der (unbezahlten) Betreuungsarbeit an Kindern ergeben würde.

Realistischer sind hier schon das (gesetzlich normierte aber nicht konsequent kontrollierte) Verbot, Frauen geringer zu bezahlen als Männer, oder Frauen (auch durch Quotierungen) zu besser entlohnten Positionen zu bringen sowie Maßnahmen, Teilzeitbeschäftigungen einzudämmen, etwa durch die Einführung der 35- besser noch der 30-Stunden-Woche oder die pensionsrechtliche Anrechnung von familiären Betreuungszeiten. Alle hier angeführten Maßnahmen werden in einigen skandinavischen Ländern bereits seit längerem umgesetzt. Es ist also primär eine Frage des politischen Willens.

Eine Frage des Willens (aber auch des Mutes) – und gleichzeitig die Lösung der aktuellen Armutsproblematik – wäre jedoch die sukzessive Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ein solches wäre jedoch auch schon kurzfristig nur über eine Besteuerung von Vermögenswerten und von Finanztransaktionen zu finanzieren.

Da ein solches Vorgehen – so viel Kapitalismuskritik darf sein – jedoch genau jene treffen würde, die glauben, sich politische Parteien zur Durchsetzung ihrer Profitinteressen kaufen zum müssen (und diese, wie es aussieht dabei bisweilen auch gerne mitspielen), wird es whrscheinlich noch ein paar Jährchen dauern, bis der Equal-Pension-Day auf den 31. Dezember fällt.

Quellen:

https://www.erzdioezese-wien.at/unit/aaw/altersarmutinzahlen