Finis terrae? Von wegen!

Ethymologisch leitet sich das Wort Management vom mittelhoch-italienischen manegiare ab, was so viel heisst wie „in die Hand nehmen“. Wer also Management betreibt nimmt etwas in die Hand, entscheidet, trägt die Verantwortung. Und umgekehrt: Wer etwas (selbst) in die Hand nimmt, betreibt Management.

Wie sieht das aber in der Pflege aus? Braucht die Manager? Oder geht es auch ohne? Glaubt man den meisten Organisationen, geht es nicht ohne. Aber am östlichen Ende Österreichs tritt eine kleine Gruppe Pflegekräfte, die sich „Netzwerk Fachpflege Österreich Ost“ nennt, gerade den Beweis an, dass es trotzdem geht.

„Finis terrae“ – das Ende der (bekannten) Welt: So nannten die Römer die äussersten Winkel ihres riesigen Reiches. Etwa die Gegend um Tomi am schwarzen Meer, wo Kaiser Augustus den Dichter Ovid hin verbannte, weil ihm dessen Werk ars amatoria (Die Liebeskunst) zu pornographisch war. Ovid verfiel in eine grosse Depression durch die Verbannung, aus der er sich durch sein Hauptwerk, Metamorphoseon (Das Buch der Verwandlung) befreite.

„Finis terrae“ – das Ende der Welt, so könnte man auch die Gegend um Götzendorf an der Grenze zwischen Niederösterreich und Burgenland, bezeichnen. Viel ist da nämlich nicht los, wahrscheinlich sagen sich hier nicht einmal Fuchs und Hase Gute Nacht. Ein Schnellbahnhof mit fast stündlichen Verbindungen nach Wien und Bruck, zwei Kilometer vom eigentlichen Ort entfernt, dazwischen verrostete, unkrautbewachsene Gleise, vertrocknete Felder, eine desolate Asphaltstrasse, ein trauriger vereinsamter Supermarkt, eine Müllsammelstelle. Und darüber eine gnadenlose pannonische Sonne, die mit gefühlten 150 Grad an diesem 1. Juli alles niederbrennt, mich eingeschlossen.

Ich bin zu einem Treffen des „Netzwerk Fachpflege Österreich Ost“ eingeladen und weiss eigentlich gar nicht, warum ich dieser Einladung folge. Meinem Alter entsprechend sollte ich eher den Schatten aufsuchen, viel trinken und nichts tun, so wie ich es in meinem Artikel „Die Hölle ist da“ geschrieben habe. Stattdessen irre ich hier in der Steppe herum, habe meine Kopfbedeckung zuhause und meine Wasserflasche im Zug vergessen und ärgere mich über eh alles.

Eine gute Stunde und drei verpasste Abzweigungen später komme ich endlich bei der Adresse an, die man mir sagte. Ein Kaffeehaus wie hunderte andere am Land, im atemberaubenden Ambiente der frühen 1980er eingerichtet: Die Dorf-Alkis hängen an der Bar, an der Tür ein Schild: Wir sind und bleiben ein Raucherlokal!, Die Kellnerin begrüsst mich, als wäre ich ein altes G’spusi von ihr. „De Kraungnschwejstan sand oulle im Extarazimma!“ Klar, wo sonst.

Das Netzwerk

An einem langen Tisch sitzt bereits ein Teil des harten Kerns der Gruppe – die „Aktiven“. Marina Meisterhofer, die mich eingeladen hat, Susanne Steinböck, Daniela, Kerstin, Iris, Monika – alle freiberufliche DGKP, die im Osten Niederösterreichs und Burgenland tätig sind. Rasch kommen weitere Besucher*innen – Interessenten genannt – dazu: eine zweite Susanne, zwei Michaelas, Ursula, Alice, Melinda, Adrian, Tamara …

Sechzehn sind es insgesamt an der Zahl. Darunter mehrere Wund-manager*innen, zwei Pflegeassistent*innen,  Qualitätsverantwortliche aus der  24-Stunden-Betreuung, zwei Demenzexpertinnen, eine Kinder-DGKP, ein psychiatrischer DGKP, ein Sozialbetreuer, eine Dolmetscherin, eine Fusspflegerin, zwei Kolleginnen aus dem Case- und Care-Management der burgenländischen Landesregierung die sich  über das Angebot der Freiberufler*innen informieren wollen.

Und alle reden miteinander! Und jede hört der anderen zu. Niemand ist irgendjemand irgendetwas neidig. Es gibt keinen Machtkampf, keine Standesdünkel, kein Konkurrenzdenken, keine Suderei und vor allem keine „Führer*innen“. Obwohl Zuständigkeiten und Veranwortungen in der Kerngruppe sehr wohl klar geregelt sind. Das erstaunt am meisten. Vielleicht ist das aber auch normal, eben wie unter erwachsenen Geschwistern, die sich von ihren dominanten Eltern losgelöst haben.

Respekt und Disziplin und Offenheit

Aber wie man Ausfahrten frei halten muss, so muss man Freiheiten aushalten. Gegenseitiger Respekt ist die erste Regel. Die braucht aber nicht dezidiert ausgesprochen werden, jede*r weiss, worum es geht, jede*r sitzt im gleichen Boot. Disziplin ist die zweite Regel. Auch die muss nicht ausgesprochen werden und ist dennoch in einem Ausmaß vorhanden, das man eifersüchtig werden könnte.

Offenheit ist die dritte Regel. Wieder nicht ausgesprochen und dennoch vorgelebt: Die erste halbe Stunde des Treffens gilt Interna der Kerngruppe. Die Gäste sind dabei, hören zu, bekommen auch Dinge mit, die anderswo hinter verschlossenen Türen geredet werden müssen: Brauchen wir als Gruppe einen Ethik-Kodex? Was tun wir, wenn in unseren Namen Dinge kommuniziert werden die wir nicht vertreten können? Wie sichern wir unsere Wissenschaftlichkeit?

Hat man solche Diskussionen schon anderswo gehört in all den honorigen Institutionen, die meinen, sie hätten die Pflege erfunden? Da müssen Leitbilder und Richtlinien her, müssen Standards und Prozesse beschrieben werden, Controller und Qualitäter ihr Unwesen treiben und Millionen für nicht funktionierende Computersysteme und sinnbefreite Buntprospekte ausgegeben werden.

Nichts davon hier, am Ende der Welt. Zwar hat gut ein Viertel der Anwesenden auch eine akademische Ausbildung in Pflege- oder Sozialmanagement, aber keine haut das den anderen um die Ohren. Keine muss die andere kleiner machen, um selber grösser zu scheinen. Bin ich eigentlich noch in Österreich?

Selbstbewusstsein, Information und Solidarität

Der zweite – grössere – Teil des Treffens gehört den Interessenten. Mit der gleichen Offenheit und wieder ohne jedes Konkurrenzdenken, bekommen alle jene Informationen, weswegen sie gekommen sind. Egal ob es hier um die Gestaltung von Verträgen oder Webseiten, um Urheberrechte oder Datenschutzgesetze geht.Oder auch um das Weitergeben und Übernehmen von Aufträgen an KollegInnen.

Niemand fragt ob wer seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat (weil es die eh nicht gibt) bevor er oder sie Auskunft kriegt, niemand macht ein Geheimnis aus seinen Geschäftsmodell und keinen Menschen interessiert, was die Basti’s und Beates dieses Landes dazu sagen.

Ich habe selten so selbstbewusste, kluge Menschen gesehen wie hier, schon lang nicht mehr so einen intensiven und wichtigen Informations-austausch gehört, noch selten soviel Solidarität erlebt. Das ist schön, das macht stolz und mutig – ein derart gewaltiger Motivationsschub, dass einem die Gänsehaut rauf und runter läuft.

So sieht also sieht es aus, wenn die Pflege ihr Geschick selbst in die hand nimmt, sprich: „managed“. Ohne von der Wirtschaft gesteuerte Einflüsterer, ohne parteipolitische Strategen, ohne überbezahlte Sparmeister. Einfach Selbst-Ständig.

So sieht aber auch die  – möglicherweise einzig denkbare – Zukunft der professionellen Gesundheits- und Krankenpflege aus. Denn das, was hier vor drei Jahren mit einer kleinen Gruppe engagierter Frauen um Susanne Steinböck und Marina Meisterhofer begann, macht Schule. Und zwar bundesweit. Denn rund um Petra Stöckl, DGKP in Kärnten entsteht nun auch dort nach gleichem Muster das Netzwerk Fachpflege Süd, das freiberufliche Pflegekräfte aus Kärnten, Osttirol und der Steiermark vernetzen will.

Schliessen sich dann vielleicht auch noch KollegInnen in Vorarlberg, Tirol und Salzburg zu einer Fachgruppe West zusammen, dann ist ein wesentlicher Schritt gemacht, damit auch die letzten Hinterbänkler kapieren, dass wir Pflegekräfte tatsächlich anders können.

Metamorphosen

Als ich das Treffen verlasse, sind gut vier Stunden vergangen. Den Zug zurück nach Wien verpasse ich um wenige Minuten, nun muss ich eine Stunde auf den nächsten warten. Die Hitze hat nachgelassen, ein kühlender Wind treibt Regenwolken am Himmel herum. Am Abend wird es regnen, die Hölle macht eine Pause.

Ich fühle mich euphorisch, mein Kopf ist voll Ideen, Gedanken und Gefühle. Dankbarkeit ist eines davon. Gewissheit, dass wir das schaffen ein anderes. Und die Hoffnung, dass dies hier wirklich Schule macht. Finis Terrae – das Ende der Welt, das trifft in Götzendorf an der Leitha vielleicht geografisch zu. Aber pflegerisch beginnt die Welt hier. Und überall, wo wir das sonst noch wollen.