Pflichtlektüre aus der Psychiatrie

Natürlich gibt es am deutschprachigen Fachbuchmarkt weitaus mehr deutsche Autor*innen als österreichische. Das ist alleine schon durch die Grösse Deutschlands und die Marktdominanz seiner Verlage gegeben. Aber ehrlich: Warum sollte auch das vorhandene und dokumentierte Wissen der Nachbarn nicht verwendet werden?

Österreichische Pflegeexpert*innen, die ihr Fachwissen publizieren, müssen sich aber trotz der quantitiven Dominanz der Kolleg*innen aus unserem Nachbarland qualitativ nicht hinter diesen verstecken. Einen eindrucksvollen Beweis dafür liefert Gerhard Schoßmaier mit seinem heuer veröffentlichten Buch „Psychosoziale Pflege“.

Der Autor

Gerhard Schoßmaier ist psychiatrischer Pfleger und sieht genau so aus, wie man sich einen solchen vorstellt: untersetzt aber selbstsicher, ruhig aber mit hellwachen Augen, selbstsicher ohne arrogant zu wirken und stets mit einem entspannt-verschmitzten Lächeln um die Augen. Er ist akademischer Lehrer für Gesundheits- und Krankenpflege am Wiener Otto-Wagner-Spital und seit 2001 auch freiberuflich als Trainer für Gewaltfreie Kommunikation nach  Rosenberg tätig.

All das prädestiniert ihn förmlich dazu eine wichtige Lücke in der österreichischen Pflegefachliteratur zu schliessen und endlich einmal ein Buch über psychiatrische Pflege zu veröffentlichen. Wobei: Es geht gar nicht um „psychiatrische“ sondern um „psychosoziale“ Pflege.

Den Unterschied klärt Schossmaier gleich auf den ersten beiden Seiten seines Buches, in dem er das GuKG wörtlich nimmt, dieses aber nicht – wie manch andere Autor*innen – seinen Leser*innen wie einen nassen Fetzen ins Gesicht schmeißt.

Das Thema

Worum geht es konkret? Um die grundsätzliche Orientierung von Pflegekräften im Umgang mit psychisch kranken Menschen an deren Lebensweise, an ihrer  Entwicklungsgeschichte und an den sozialen Bedingungen unter denen sie – und ihre Bezugspersonen – leben müssen und eben manchmal auch leiden.

Der theoretische Ansatz ist also sozialpsychiatrisch und damit weit weg von jeglichen Machbarkeitsfantasien einer somatisch orientierten Psychiatrie, die Krankheiten lediglich als Fehlfunktionen des ZNS definiert. Der Mensch ist das Produkt seiner Biographie und seines (ständig wechselnden) sozialen Umfeldes. Punkt. Genauso wie auch Gerhard Schoßmaier das Produkt seiner (Berufs-)Biographie und seines (sozialpsychiatrischen) Umfeldes ist.

Wer sich nun von seinem Buch einen mehreren Kilogramm schweren Folianten mit weitschweifenden Ausflügen in die Grundlagen der Psychologie, Soziologie und Philosophie erwartet, wird enttäuscht sein. Grade mal 144 Seiten zählt das Ding. Und trotzdem ist alles drin, was es braucht um den täglichen (und für „Normalos“ manchmal sehr abstrus anmutenden) Herausforderungen der psychiatrischen Pflege gerecht zu werden.

Und dennoch schafft es der Autor, auch für Leute verständlich zu bleiben, deren Vorstellungen über Psychiatrie mehr von Hollywood als von der Realität geprägt wurde. Vorausgesetzt, man ist bereit, sich von ihm ver-rücken zu lassen und Jiddu Krishnamurtis Satz gelten lässt, dass es kein Zeichen geistiger Gesundheit sein kann, möglichst gut angepasst an eine zutiefst kranke Gesellschaft zu sein.

Der Inhalt

Nach einer kurzen und prägnanten Einführung in die Grundlagen psychosozialer Pflege widmet sich Schoßmaier den psychosozialen Phänomenen im Pflegeprozess und zieht das Thema meisterhaft an den geltenden POP-Pflegediagnosen auf. Und klärt damit mehr, als das Standard-Werk von Stefan, Allmer et al in seinen letzten vier Auflagen der vergangenen 20 Jahre geschafft hat.

Im dritten Abschnitt geht Schoßmaier auf die enorme Bedeutung der Beziehungsarbeit in der Pflege ein und dabei auch auf sein Lieblings-thema – der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Die 16 (in Worten sechzehn!) Seiten, die er benötigt das Beziehungsthema zu behandeln, gehören meines Empfindens zum Besten was ich an Fachliteratur seit Dörners „Irren ist menschlich“ gelesen habe.

Im vierten Teil schliesslich erklärt er einige wesentliche und in Österreich (selbst in Fachkreisen) nur wenig bekannte Konzepte der psychosozialen Pflege: Den Recoveryansatz etwa, die Adherence-Therapie, das Soziale Kompetenztraining, Psychoedukation, ja sogar die Genusstherapie. Und schafft es erneut, bei aller Komplexität der Themen kurz, prägnant, verständlich und authentisch zu bleiben.

Die letzten 35 Seiten schenkt er einfach her. Und zwar an Christoph Müller, einem deutschen Kollegen, der hier über psychiatrische Pflege im aufsuchenden Setting schreibt und an Ewa Zemann, eine Kollegin Schoßmaiers am Otto Wagner Spital, die Beiträge zu den Themen Pflege in der forensischen Psychiatrie und Pflege bei Aufnahme gegen den Willen des/ der Pantient*in liefert.

Resumee

Wow! Ich wusste, dass Gerhard Schoßmaier gut ist (immerhin kenne ich ihn schon seit zwei Jahrzehnten) aber das ist wirklich eine tolle Überraschung! Pflichtlektüre für alle, die es mit Menschen zu tun haben, die unter psychiatrischen Erkrankungen leben. Für Pflegende sowieso. Anders kann das nicht bezeichnet werden.


Gehard Schoßmaier: Psychosoziale Pflege, Grundlagen – Modelle  – Interventionen ; erschienen bei facultas unter der ISBN 978-3-7089-1815-0.

(Bitte kaufen Sie auch Ihre Fachbücher in der kleinen Buchhandlung „um’s Eck“ und nicht bei den Versandhandelskonzernen im Internet! Sie retten vielleicht Existenzen damit!)