Suppe – Seife – Seelenheil

Die Heilsarmee – ja die gibts nicht nur in amerikanischen Filmen der 1940er Jahre, sondern auch in Österreich – ist seit Jahrzehnten in der Arbeit mit wohnungslosen Menschen eine nicht wegzudenkende Institution. Auch wenn sie oftmals hinter bekannteren Organisationen nicht gesehen wird. Nun hat sie ihr Angebot um ein Intensiv Betreutes Wohnen für psychisch kranke Obdachlose erweitert.

Im Folgenden brinngen wir die Presseaussendung zur Präsentation dieses Angebotes und eine notwendige Anmerkung unsererseits dazu.

Wien (OTS) – Eine Evaluierung der Wiener Wohnungslosenhilfe aus dem Jahr 2012 ergab, dass 39 % aller Befragten von aktuellen psychischen und seelischen Beschwerden betroffen sind. Weitere 30 % gaben an, von einer Suchtthematik, die ebenfalls den psychiatrischen Erkrankungen zugeordnet ist, belastet zu sein.

Der Verband der Wiener Wohnungslosenhilfe (VWWH) nimmt eine Steigerung der psychisch Erkrankten in der Praxisarbeit wahr. Auch die Heilsarmee, seit Jahrzehnten mit der Arbeit mit psychisch Erkrankten in Wien vertraut, berichtet von einer Zunahme an jungen wohnungslosen und psychisch auffälligen Menschen. Psychisch krank und wohnungslos – oder wohnungslos, weil psychisch krank – was auch immer zuerst eintritt: diese Kombination bedeutet für Betroffene enormen Stress und hat negative Auswirkung auf den gesundheitlichen Zustand.

Wohnungs- oder Obdachlos zu sein ist eine große Belastung für die Betroffenen. Für Menschen, die zusätzlich noch mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen haben, sind geschützte Orte ganz essentiell für die eigene Stabilisierung und Stärkung. Mit dem neuen Angebot leistet die Heilsarmee Österreich einen wichtigen Beitrag für die Betreuung psychisch kranker wohnungsloser Menschen. Mit der Förderung des Fonds Soziales Wien wird das Angebot für Betroffene ausgebaut.“, fasst die Geschäftsführerin des Fonds Soziales Wien, DSA Anita Bauer, das Projekt zusammen.

Wien schaut hin

Wie wichtig das Thema psychische Gesundheit für Wien ist, zeigt die Unterstützung für das Angebot: „Ein Wintergarten ist ein Ort der Geborgenheit und des Daheimseins. Ich danke der Heilsarmee dafür, dass sie Menschen, die auf besonders intensive Betreuung angewiesen sind, so einen Ort im Stuwerviertel anbietet!“, so Bezirksvorsteherin  Uschi Lichtenegger am Eröffnungsfest. Die gesellschaftliche Relevanz des Themas spiegelt sich auch in der Gästezahl: über 80 Personen nahmen an der Feier teil und zeigten Interesse am innovativen Konzept.

Auch Dr.in Pfarrerin Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie freut sich über das neue Angebot: „Die Heilsarmee ist Teil der Diakonie und bietet seit vielen Jahren Unterstützung für Betroffene und Angehörige. Sie ist dort, wo die Nöte und Bedürfnisse der Menschen sind.“.

Gerhard Wyss, Geschäftsführer der Heilsarmee Österreich nennt die Gründe für die Entstehung des Wintergartens: „In der Arbeit des Betreuten Wohnens wurde seit längerem klar, dass unser Angebot für einen Teil unserer BewohnerInnen nicht mehr ausreicht. Grund dafür waren und sind sehr oft psychische Beeinträchtigungen. Hier greift das neue Angebot des Intensiv Betreuten Wohnens sehr gut.“

Das Intensiv Betreute Wohnen

Eine wichtige Besonderheit des Intensiv Betreuten Wohnens (inBEWO) stellt der großzügige zeitliche Rahmen der Betreuung dar: psychisch Erkrankte brauchen Zeit um wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Zeit, um ihre Erkrankung wahrzunehmen, um sie zu akzeptieren. Zeit, um eine Behandlung zu beginnen. Zeit um soziale Kontakte zu knöpfen. Denn das Leben auf der Straße und eine psychische Erkrankung beenden die meisten sozialen Kontakte.

In vielen Fällen ist diese Situation von Armut geprägt – eine gesellschaftliche Teilhabe wird so unmöglich. Betroffene berichten, dass ihnen vor allem Wohnraum und damit verbunden Privatsphäre sowie Rückzugsmöglichkeiten fehlen, um ihre psychische Situation zu verbessern.

Diese Muster will das inBEWO durchbrechen indem es Wohnraum und einen geschützten Rückzugsort anbietet – den Tagestreff „Wintergarten“. Hier können sich BewohnerInnen frei von Konsumzwang treffen und Angebote gestalten. Mitsprache und Mitbestimmung bietet das BewohnerInnentreffen – Ideen werden aufgegriffen und umgesetzt – sei es bei Ausflügen, der Einrichtung des Tagestreffs oder der Freizeitgestaltung.

Viele Initiativen kommen von den BewohnerInnen und werden durch die Betreuenden unterstützt. Ziel ist die gesellschaftliche Inklusion. Aber einfach auch ein Ort an dem man Platz nimmt und mit Menschen in einem Raum ist, ohne Zwang zur Kommunikation – ganz individuell – so wie Menschen eben sind.

Die Heilsarmee – seit über 90 Jahren in Österreich

Die Heilsarmee ist eine Hilfsorganisation und christliche Glaubensbewegung, die in 131 Ländern Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt.

In Österreich wurde die Heilsarmee 1927 gegründet und ist vorrangig in der Wohnungslosenhilfe tätig. Die Heilsarmee bietet eine breite Palette an sozialen Einrichtungen, wie das Männerwohnheim SalztorZentrum, das Betreute Wohnen, die Mobile Wohnbegleitung, das Intensiv Betreute Wohnen oder das Sozial Betreute Wohnhaus Haus Erna, an. Das Angebot umfasst aber auch zahlreiche Angebote innerhalb der Gemeindearbeit sowie Gefangenenseelsorge.

Quellen
  • Evaluierung Wiener Wohnungslosenhilfe. Endbericht. Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen. 2012
  • Situationsbericht Verband Wiener Wohnungslosenhilfe. Geht´s noch? Psychisch krank und wohnungslos. Wien. 2018
Rückfragen & Kontakt:

Mag.a (FH) Karolina Oldakowska
Öffentlichkeitsarbeit
Heilsarmee Österreich
+ 43 699 11 431 424
karolina.oldakowska@heilsarmee.at
www.heilsarmee.at


Anmerkung:

Ich kenne das Engagement der Heilsarmee zur Wohnungslosigkeit seit über 20 Jahren und schätze es sehr. Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass das soziale Wien um einiges ärmer wäre, ohne der wertvollen Arbeit der Heilsarmee, die leider allzu oft hinter der – freilich ebenso hoch zu schätzenden – Arbeit der Caritas in diesem Bereich in den Hintergrund tritt.

Dass sich die Heilsarmee nun – getreu ihrem bereits vor 20 Jahren publizierten Slogan „Suppe – Seife – Seelenheil“ – auch und gerade gegen den Teufelskreis von Wohnungslosigkeit und psychischer Krankheit (das eine bedingt stets auch das andere) einsetzt, ist nur folgerichtig und ehrenhaft.

Wenn ich dann aber entdecke, dass die Heilsarmee für diese Arbeit eine psychiatrische DGKP in einem Ausmaß von gerade einmal 5 (in Worten: fünf!) Wochenstunden sucht, dann ist das Ausmaß meiner Konsternierung doch dem meiner Begeisterung zumindest gleich. Gleichwohl ich aber auch weiß, dass der Grund dazu nicht in einer fachlichen Blauäugigkeit oder gar eines Unwillens der Heilsarmee liegt, sondern in den Auflagen beziehungsweise in den vom Fond Sozialen Wien zur Verfügung gestellten finanziellen Ressourcen.

Wer bereits einmal das fragliche Vergnügen hatte, in eine Verhandlung über die Finanzierung einer zu implementierenden Leistung mit dem FSW involviert zu sein, kommt nicht umhin anzunehmen, dass die Entscheidungen dort von Menschen gefällt werden, die von der sozialen Realität dieser Stadt wenn schon nicht täglich betroffen , dann doch von dieser mitunter sehr weit entfernt sind.

Vier Stunden psychiatrische Pflege pro Woche, für 54 psychiatrische Bewohner sind eindeutig zuwenig!

Der Heilsarmee ist in jedem Fall sehr zu wünschen, dass sie eine psychiatrische DGKP bekommt. Ob sich allerdings eine findet, die diese Herausforderung und die damit verbundene Verantwortung annimmt, ohne auf ausreichende Zeitressourcen zugreifen zu können (deren Bedarf von der Heilsarmee selbst sehr wohl gesehen wird – siehe den vierten Absatz der Presseaussendung) bleibt dahingestellt.

Dem FSW hingegen ist zu wünschen, besser: Es ist von ihm zu fordern, die ökonomischen Scheuklappen abzulegen und endlich in der Realität anzukommen. Ein soziales Wien braucht Maßnahmen, die auch greifen. Kosmetika gibts genug in Bastis Beauty-Shop!

Christian Luksch, diplomierter psychiatrischer Gesundheits- und Krankenpfleger und Herausgeber von Geronto.at.


Post scriptum:

Zur Stellenausschreibung der Heilsarmee geht’s hier.

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