Das haben wir gerade noch gebraucht: Demenzkompetenz im Krankenhaus

Sie kennen das vielleicht: Man kommt in ein Zimmer und hat völlig vergessen, was man hier wollte. Man weiss nicht mehr genau, wie spät es schon ist, was man hier soll und wer diese Menschen sind, mit denen man es zu tun hat. Stress, den man nicht will, Angst, die man verleugnet, Aggressionen die man unterdrückt…

Nein, wir beschreiben hier keinen dementen Menschen, sondern eine Pflegekraft, die mit Dementen arbeiten soll. Und zwar im Krankenhaus. Das kann mitunter ziemlich verwirren. Doch nun naht Hilfe in Form einer – genau! – „Orientierungshilfe“. Die richtet sich aber nicht an die Dementen sondern an die Krankenhäuser, die diese behandeln.

Angesichts des seit Jahren andauernden und ständig wachsenden Bedarfes an einer klaren Strategie, wie mit dementen Menschen im Krankenhaus umzugehen ist, hat Gesundheit Österreich im Auftrag des Sozialministeriums eine „Orientierungshilfe Demenzkompetenz im Spital“ herausgegeben und gibt damit eine zwar steile aber höchst notwendige Vorlage für Österreichs Krankenhäuser.

Wir bringen einen Auszug aus der Präambel des 26 Seiten starken Strategiepapiers und empfehlen allen Krankenhäusern, sich penibel daran zu halten und die darin gemachten Vorschläge umzusetzen.

Gut leben mit Demenz – auch im Krankenhaus!

Wenn Menschen mit Demenz im Krankenhaus wegen anderer Erkrankungen behandelt werden, können zahlreiche Probleme auftreten, denn für demente Menschen stellt der Aufenthalt in einem Krankenhaus immer eine schwierige und beängstigende Situation dar – häufig auch für ihre Angehörigen.

Ältere Menschen können durch einen Ortswechsel wie etwa die Aufnahme in ein Krankenhaus grundsätzlich psychsch destabilisiert werden. Insb. Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen weisen auch ein höheres Risiko auf, während des Krankenhausaufenthaltes ein Delir zu entwickeln. Häufig ist bei ihnen eine Nebendiagnose Demenz nicht bekannt bzw. die Diagnose (noch) nicht gestellt, oder Demenz, Delir und/oder Depression werden nicht richtig bzw. rechtzeitig erkannt oder verwechselt.

Die Versorgung von Dementen stellt aber auch die Mitarbeiter*innen der Krankenhäuser vor zunehmende Herausforderungen, denn derzeit ist der Klinikalltag kaum bzw. nur unzureichend auf Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen eingestellt. In der Österreichischen Demenzstrategie Gut leben mit Demenz wird daher empfohlen, die Strukturen, Prozesse, Abläufe und diversen Umgebungsfaktoren in Krankenanstalten den Bedürfnissen dieser Patient*innen anzupassen.

Die Orientierungshilfe soll die Schaffung geeigneter Rahmen-bedingungen für demenzkompetente Krankenhäuser unterstützen. Sie wurde gemeinsam mit Expertinnen und Experten entwickelt, welche bereits über Erfahrungen in der Umsetzung entsprechender Maßnahmen verfügen. Die Auseinandersetzung mit Demenz-diagnostik und -behandlung ist nicht Ziel der Orientierungshilfe.

Das Delir (nichtsubstanzbedingt) stellt in diesem Zusammenhang im Krankenhausalltag eine der größten interprofessionellen Heraus-forderungen dar. Das Vorliegen einer Demenz erhöht das Risiko der Entwicklung eines Delirs, viele Symptome sind ident (siehe oben Schwierigkeit bzw. Bedeutung der Differenzialdiagnose) – das Delir kann jedoch auch ohne Vorliegen einer Demenz entstehen. Viele der in der Folge angeführten Handlungsempfehlungen stellen daher auch Maßnahmen einer gelingenden Delirprävention dar.

Deshalb sollten auch bei Menschen ohne Demenz die Gefahr und Prävention eines Delirs gleichrangig gesehen werden. Die Umsetzung der Handlungsempfehlungen für ein demenzkompetentes Krankenhaus stellen daher immer auch eine Maßnahme für die Delirprävention / das Delirmanagement im Krankenhaus dar, unabhängig davon, ob eine Demenz vorliegt oder nicht.

An wen richtet sich die Orientierungshilfe?

Demenzkompetent zu sein bedeutet, in Hinblick auf die Anliegen und Bedürfnisse von Menschen mit Demenz aufmerksam zu sein, auf deren veränderten Lebensstil, deren Geschwindigkeit, deren Auffassungsvermögen und deren Bedürfnisse einzugehen und Abläufe entsprechend zu adaptieren und anzupassen. Dies gelingt nur, wenn die gesamte Krankenhausführung hinter dem Thema steht.

Deshalb richtet sich die Orientierungshilfe vor allem an die obersten Verantwortungs- und Entscheidungsträger*innen eines Kranken-hauses: die Rechtsträgervertretung, die Gesamtleitung und die kollegiale Führung sowie an die Führungskräfte aller Berufsgruppen. Der Status eines demenzkompetenten Krankhauses trägt zum Image der Einrichtung bei und hat weitreichende Konsequenzen.

Was soll damit erreicht werden?

Dieses Dokument soll Entscheidungsträger*innen und Führungskräfte für die Betreuung und Versorgung von Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen sensibilisieren. Es werden Maßnahmen aus der Praxis aufgezeigt, die den Krankenhausaufenthalt für Patient*innen mit demenziellen Beeinträchtigungen so gestalten können, dass belastende Situationen für diese, deren Angehörige aber auch für Mitarbeiter*innen reduziert werden können. Die konkrete Umsetzung und Detailplanung obliegt dem jeweiligen Krankenhaus.

Das Thema Demenz ist in Zielvereinbarung, Leitbild oder Mission-Statement der kollegialen Führung und der Abteilungen mit aufzunehmen, entsprechende messbare Indikatoren und Kennzahlen sind zu formulieren, zu bewerten und transparent zu machen.

Was bringt es einem Krankenhaus, diese Empfehlungen umzusetzen?

Die Wissenschaft sowie Erfahrungen aus der Praxis in Österreich und in anderen Ländern zeigen, dass mit demenzsensibler Gestaltung von Abläufen und Strukturen positive Auswirkungen verbunden sind, insb.:

Risikominimierung für die Patientinnen/Patienten, vor allem:

  • Verringerung der Gefahr des Entwickelns eines Delirs
  • Verringerung der Sturzgefahr
  • Verhinderung von Mangelernährung/Dehydration
  • Reduktion der Polypharmazie
  • Reduktion der peri- und postoperativen Komplikationen

Erhöhung der Sicherheit von Patient*innen und Mitarbeiter*innen sowie, damit verbunden, die Steigerung der Qualität der Versorgung und der Arbeitsbedingungen im Krankenhaus (Imagegewinn)

Verminderung der physischen und psychischen Belastung der Mitarbeiter*innen, damit verbunden, höhere Arbeitszufriedenheit, weniger Fluktuation und Erhöhung der Attraktivität des Berufes

Ökonomische Effekte:

  • weniger Komplikationen
  • kürzere Aufenthaltsdauer
  • Entlassungen bei besserer Gesundheit der Patient*innen
  • weniger Pflegeheimeinweisungen
  • weniger Wiederaufnahmen
Die SPACE-Systematik der Demenzsensibilität – Kriterien für ein demenzkompetentes Krankenhaus

Für die systematische Darstellung von Demenzsensibilität in einem Krankenhaus wird die in England entwickelte SPACE-Systematik herangezogen. Diese Systematik enthält Kriterien der Demenzsensibilität anhand von fünf Kategorien:

  1. Staff (ausreichend und adäquat geschultes Personal)
  2. Partnership (Partnerschaftlichkeit)
  3. Assessment (Assessment und Identifikation des Risikos von Patientinnen/Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen)
  4. Care (individualisierte Betreuung und Versorgung)
  5. Environment (Umgebung und Ausstattung)

Dieser Systematik folgen auch die Kapitel der Orientierungshilfe „Demenzkompetenz im Spital“. Abschließend wird in einem eigenen Abschnitt über „Dementia Governance“ das Ziel des Aufbaues eines systematischen demenz- bzw. delirbezogenen Qualitätsentwicklungs-systems, basierend auf Daten und Kennzahlen, beschrieben.

Quelle:

Juraszovich, Brigitte; Rappold, Elisabeth (2017): Demenzkompetenz im Spital. Eine Orientierungshilfe. Gesundheit Österreich, Wien

Das gesamte Dokument steht auf der Website des Sozialministeriums bzw. hier als PDF-Datei zu Download bereit.


Redaktioneller Hinweis:

Geronto.at hat auf diese Orientierungshilfe sofort reagiert und bietet, gemeinsam mit seinem Partner, der IGSL, ab 2020 eine Weiterbildung (nach § 64 GuKG) „Pflege bei Demenz“ mit dem Schwerpunkt Demenz im Krankenhaus an. Diese können dann in weiterer Folge, wie in der Orientierungshilfe gefordert, als „Demenzbeauftragte / Expert*innen für Demenz und Delir“ eingesetzt werden.

Weiters bieten wir – ebenfalls wie im 1. Kapitel der Orientierungshilfe gefordert – an, gemeinsam mit organisationsinternen Spezialist*innen ein interprofessionell ausgerichtetes, abgestuftes Sensibilisierungs- und Schulungskonzept zu entwickeln und zu implementieren sowie bei einer Konzipierung und Aufbau eines systematischen demenz- bzw. delirbezogenen Qualitätsentwicklungssystems, (siehe Kapitel 6 der Orientierungshilfe) beratend mitzuwirken.

Bitte setzen Sie sich unverbindlich mit uns in Verbindung!