Schwester Alexa und ihre grossen Brüder

Seit einigen Jahren überschlägt sich die Pflegewelt – oder zumindest ein Teil von ihr – vor Begeisterung über die ungeahnten Möglichkeiten der neuen Technologien: Ambient Assistet Living, Artifical Intelligence, Informations- und Kommunikationstechnologie und wie die Dinge alle heissen, die uns das Berufs- und Pflegeleben optimieren, verbessern, beschleunigen und vereinfachen sollen.

Da macht es, in all dieser – bisweilen schon an Hysterie gemahnender – Begeisterung der Digital Natives darob schon Sinn, wenn mal jemand hinter die schöne neue digitale Pflegewelt einen etwas kritischeren Blick wirft, wie der Schweizer Berufsverband für Krankenpflege (SBK) in seinen Positionspapier „Pflege und eHealth“, das wir im Folgenden – leicht gekürzt – zur werten Kenntnisnahme auch hierzulande bringen.

Die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien verändert die pflegerische Praxis grundlegend , denn die leichte Verfügbarkeit von Information eröffnet sowohl für Pflegefachkräfte als auch für die betreuten Menschen komplett neue Perspektiven. Letztere verfügen künftig selbst über ihre Daten, was sich auch im juristischen Komplex des Datenschutzes ausdrückt. Aber: Werden die Pflegefachpersonen eine vermittelnde Rolle einnehmen können, damit diese Daten auch tatsächlich verstanden werden?

Die im folgenden beispielhaft angeführten Aspekte betreffen sowohl die Pflegefachpersonen als auch die betreuten Personen :

  • Die unbegrenzte Speicherung von Daten und der niederschwellige Zugang zu einer Vielzahl an Informationen
  • Die Allgegenwärtigkeit, sprich Verfügbarkeit von Information zu jeder Zeit und an jedem Ort
  • Die Kontinuität der Information als Unterstützung für die Kontinuität und Sicherheit der Versorgung.
  • Die Verwendung von Daten zur Unterstützung der Entscheidungs-findung, der zwischenmenschlichen Interaktion, der Forschung, der evidenzbasierten Pflege oder des automatisierten Lernens
  • Die Interoperabilität als Grundprinzip der Wiederverwendung von Daten, die sicherstellt, dass das Informationssystem nahe an der Pflegepraxis ist, inklusive Automatisierung der Technologie.
  • Künstliche Intelligenz (KI), die das Potenzial hat, die pflegerische Praxis zu transformieren und Fehler signifikant zu reduzieren.

Die Informationstechnologie, so ausgeklügelt sie auch sein mag, ersetzt weder die Beurteilung im Sinne reflektiert -kritischen Denkens noch die Menschlichkeit der Pflegefachpersonen! Angesichts der technologischen und ökonomischen Entwicklungen muss sich die professionelle Pflege an ihre grundlegenden Prinzipien halten, um die kommenden Herausforderungen anzunehmen:

  1. Das A und O der Pflege ist ihre Personenzentriertheit (Der Mensch, nicht die Technologie steht im Mittelpunkt!)
  2. Der salutogenetische (= gesundheitsschaffende) Effekt der Pflege liegt in der Kontinuität ihrer Prozesse
  3. Die Wahrnehmung und Vertretung der Interessen der Patient*innen (Advocacy) ist ein wesentlicher Teil der Pflege
  4. Die Förderung und Erhaltung der Autonomie und des Selbstmanagements der Patient*innen sind ihr unmittelbares Ziel
  5. Die Annäherung zwischen Technologie und Pflege für eine alltägliche Nutzung muss konzertiert und selbstkritisch geschehen.

Risiken und mögliche unerwünschte Wirkungen

Die Kunst zu pflegen wird zu einem subtilen Gleichgewicht zwischen dem Einbezug des Menschen, der Organisation und der Technologie. Die Pflege hatte schon immer technische Hilfsmittel zur Verfügung: Spritzen, Sonden, Katheter, EKGs, Blutzuckermessgeräte usw. Aktuell vervielfachen sich die technologischen Möglichkeiten aufgrund der Miniaturisierung und Vernetzung von Informatik. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass ihre Nutzung dem Menschen schadet, zum Beispiel:

  • Roboter werden zu „Partnern“ bei der Mobilisierung von Menschen mit Funktionseinschränkungen oder, kombiniert mit anderen Formen künstlicher Intelligenz (AAL), zu ständigen Begleitern von betagten und/ oder funktionseingeschränkten Menschen.
  • Dadurch geht der zwischenmenschliche  Kontakt verloren – und mit ihm auch der eigentlich heilende Faktor insbesondere in den immer mehr anwachsenden psychischen Erkrankungen.
  • Die Gefahr des Missbrauches der neuen Technologien hinsichtlich einer „totalen Überwachung“ – auch des gesundheitlichen Zustandes –  erhöht sich und entzieht sich gleichzeitig demokratischer Kontrolle
  • Liegt die Entscheidungshoheit über die Daten bei den Patient*innen, sind die Akteure des Gesundheitswesens auf deren Bereitschaft zur Weitergabe relevanter Inforamtionen angewiesen
  • Zunächst noch mit dem aktuellem Personalmangel argumentiert – werden sukzessive immer mehr Arbeitsplätze im Gesundheitssektor zugunsten von kosteneffizienterer Technologie abgebaut

Der technische Fortschritt wird es den Pflegefachpersonen erlauben, die Patienten in ihrem «Gesundheitsprojekt» zu begleiten und in ihrer Autonomie zu fördern. Die Pflegekräfte werden in der täglichen Praxis von einem unbegrenzten Zugang zu Wissen profitieren, und zudem wird die sogenannte „Künstliche Intelligenz“ (so genannt, weil keine Maschine tatsächlich intelligent sein kann) sie fortlaufend bei der Analyse komplexer Daten unterstützen.

Dieses realistische und positive Bild darf aber nicht die Gefahren verschleiern, die mit dem Einzug der Technologien in die klinische Praxis verbunden sind. Die Literatur und die Medien (Fachmedien und andere) warnen uns vor Auswüchsen, die mit der Informatisierung der menschlichen Aktivitäten Einzug halten. Die Frage nach intrinsischen Gefahren der Technologie (Datenschutz, Informationsspeicherung, Schutz der Privatsphäre usw.) ist nicht nur eine Frage der Technik (siehe Fachliteratur). Es ist auch eine Frage des persönlichen Verhaltens und der Wahrnehmung der Eigenverantwortung. Der Paradigmenwechsel, der durch die Informationstechnologien stattfindet, soll in allen Bereichen der Pflege berücksichtigt werden.

Empfehlungen …

Im Folgenden einige Empfehlungen der Kommission «eHealth und Pflege» des SBK, die dazu beitragen sollen, dass jede Pflegekraft in ihrem Verantwortungsbereich die notwendigen Überlegungen anstellen kann, um Angesichts dieser Entwicklungen ihre Professionalität aufrechtzuerhalten und weiter zu entwickeln.

… für Pflegekräfte an der Basis
  • Voraussetzung für die Beherrschung der Technologien ist das Können und Wissen der Profession Pflege.
  • Kritisches Denken: Man muss wissen, wie intelligente Technologien zu nutzen sind und sollte sie kritisch hinterfragen.
  • Die pflegerische Beziehung stärken, um nicht Gefahr zu laufen, sie wegen der Technologie zu verlieren.
  • Neue Rolle als Vermittler: Die Patient*innen haben Zugang zu Informationen. Pflegekräfte unterstützen sie im Verstehen dieser.
  • Kommunikation Die Technologie verlangt eine standardisierte Sprache und die Interprofessionalität die Nutzung der Fachsprache für die Kommunikation. Die Kommunikation mit den Patient*innen muss jedoch einfach und verständlich bleiben.
… für leitende Pflegekräfte an der Basis
  • Die Fähigkeiten entwickeln, Indikatoren zu verstehen und dem Team, welches die Daten erfasst, zu vermitteln.
  • Eine Kultur der Kooperation und Intervision pflegen, um den Einsatz von IKT positiv zu fördern und Transparenz der Ziele zu schaffen.
  • Arbeitsbedingungen so gestalten, dass Pflegefachpersonen klinische Daten im Fallmanagement und in der Kommunikation nutzen.
… Für Pflegedirektionen und Leader der Profession
  • Konzepte eines Informationssystems in der Führung integrieren.
  • Informatikspezialisten auf allen Ebenen der Organisation integrieren, von der Stellvertretung der Direktion bis hin zu «Super-Usern».
  • Rahmenbedingungen schaffen, die ein proaktives Verhalten der Pflegefachpersonen, einen transformationalen Führungsstil und ein auf Vertrauen basierendes Management erleichtern und fördern.
  • Eine Vision von eNursing als Basis für den interprofessionellen Austausch entwickeln und teilen. Die Patient*innen mit ihren einzigartigen und geteilten Informationen befinden sich im Zentrum.
  • Eine datenbasierte Steuerung entwickeln, um Qualität, Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit (Ergonomie) zu fördern.
… für Fachpersonen der Bildung
  • Die Studierenden so ausbilden, dass sie in der Lage sind, mit dem technologischen Wandel umzugehen, indem sie aufgrund einer starken professionellen Identität ihre eigene Praxis verändern können.
  • Pflegefachpersonen in Klinischer Beurteilung (Clinical Assessment), Analyse, Interpretation und Voraussage ausbilden.
  • Theoretische Ansätze und Konzepte der Informationswissenschaften in die Lehrpläne integrieren (Systemtheorie, Informationstheorie, Semantik usw.). Die Nutzung von standardisierten Ordnungssystemen (Pflegediagosen, Pflegeinterventionen usw.) ist ein Schlüsselelement für die Entwicklung der Pflege, denn jeder Begriff widerspiegelt ein Konzept, also ein damit verbundenes Wissen.
  • Die Pflegefachpersonen auf jeder Stufe der Ausbildung in der Kultur der Informationswissenschaften ausbilden (Einfluss der Technologie, kritische Interpretation von Daten).
  • Pflegekräfte für zukünftige Rollen ausbilden, z. B. als  Informations-vermittler*in oder Gesundheitscoach
… Für Pflegeexpert*innen und Forschende
  • Wissenschaftliches und kritisches Denken in der Pflege fördern: Da sich die Technologien ständig wandeln, ist kritische Reflexion das einzige Mittel, das Pflegefachpersonen befähigt, mit den Hilfsmitteln bewusst umzugehen.
  • Eine gemeinsame professionelle Vision entwickeln, basierend auf Pflegetheorien, «Best Practice» und Technologien, um die Entwicklung der Pflege und die rasante technologische Entwicklung zu begleiten.
  • Die Herausforderungen identifizieren, die Technologien im klinischen Alltag hervorrufen, und sie als Forschungsfragen formulieren.
… Für Technologiefachpersonen
  • Sich im Spezialgebiet der Gesundheitsinformatik weiterbilden.
  • Führungskräfte beim Übergang unterstützen, d.h. durch systematische Analysen aufzeigen, wie sich die Prozesse durch die neuen Technologien verändern.
  • Expert*innen aus der Pflege als Referenzpersonen in die Entwicklung der Technologien einbeziehen.
  • Den Einfluss der Implementierung von Technologien systematisch und umfassend evaluieren.
  • Lösungen entwickeln, die sowohl eine strukturierte als auch narrative, sowie eine quantitative und qualitative Datenerfassung ermöglichen.

Das Original des Positionspapiers sowie eine ausführliche Version  inklusive einer Referenzliste ist auf der Webseite des SBK verfügbar. Möge es auch bei uns Gehör und Gehirn finden.