Lebensqualität – Was ist das eigentlich?

Mit seinen Handlungsleitlinien für die mobile und stationäre Langzeitpflege und -betreuung hat der Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen eine wichtige Grundlage für eine einheitliche Entwicklung und langfristige Sicherung der Qualität geschaffen.

Zehn dieser Empfehlungen für eine sichere Pflege und Betreuung langzeitpflegebedürftiger Menschen wurden in den letzten sieben Jahren umgesetzt: Von Sturz und Schmerz über die Sicherung der Hautintegrität und der Ernährung bis zur Medikamenten-Compliance. Nun erschienen Nummer elf (Deeskalation) und zwölf (Lebensqualität). Vor allem letztere ist eine Herausforderung für sich!

Denn anders als bei den bisherigen Handlungsleitlininen, die im wesentlichen dem Muster eines Qualitätsstandards folgen – also Strukturen, Prozesse und Ziele definieren – geschieht dies hier nicht. Es werden lediglich Definitionen unterschiedlicher Schlüsselbegriffe aus dem Themenbereich geboten. Und das ist gut so.

Nun liegt es an den Qualitätsverantwortlichen  der Einrichtungen selbst, auf Basis dieser Definitionen dafür zu sorgen, dass aus den Behauptungen der Buntprospekte faktenbasierte Realität wird.

Die Definitionen

Immerhin präsentiert die Handlungsleitlinie nun allgemeingültige Definitionen von Grundbegriffen, die bereits einen klaren Denk- und Handlungsrahmen bilden, in dem organisatorische Verwirrungen hintangehalten werden könnten. Falls nicht die einen oder anderen EntscheiderInnen auf Selbstdarstellungstrip wieder alles über den mehr oder weniger chaotischen Haufen schmeissen.

Qualität zum Beispiel

wird in der Handlungsleitlinie definiert als „das Ausmaß, wie sehr eine Dienstleistung oder Produkt bestimmten Anforderungen entspricht„. Das entspricht nicht nur einer verständlich ausgedrückten  Definition nach ISO- und anderen anerkannten QM-Systemen sondern kann landläufig auch als „Zufriedenheit mit dem jeweiligen Produkt oder der Dienstleistung“ umschrieben werden.

Super. Das verstehen sogar Sepp und Susi Normalverbraucher, wenn sie nicht grade für die derzeitige Regierung trollen. Auch dass dies in weiterer Folge sowohl so genannten „harten“ (= objektiv messbaren) als auch „weichen“ (= subjektiv empfundenen) Kriterien unterliegt, benötigt, um verstanden zu werden, kein BWL-Studium.

Oder Lebensqualität

Ausgehend von der oben angeführten Definition von Qualität kann der Begriff „Lebensqualität“ auch als das „Ausmaß der Zufriedenheit mit den aktuellen Lebensumständen umschrieben“ werden. und auch dies ist wiederum aus objektiver, wie auch aus subjektiver Perspektive meßbar, wenn gleich ersteres schwieriger und zweiteres instabiler, weil von vielen Faktoren abhängig.

Lebensqualität wird als mehrdimensionales Phänomen definiert. Diese Dimensionen sind zwar für alle Menschen gleich, können aber in ihrem Wert und ihrer Wichtigkeit individuell unterschiedlich beurteilt werden. Sie umfassen:

  1. Emotionales Wohlbefinden
  2. Physisches Wohlbefinden
  3. Materielles Wohlbefinden
  4. Soziale Beziehungen
  5. Persönliche Entwicklung
  6. Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit
  7. Gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation)
  8. Rechte und Mitbestimmung

Zwischen diesen Dimensionen bestehen sowohl Abhängigkeiten als auch thematische Überschneidungen – eine strikte Trennung ist somit weder möglich noch sinnvoll.

Pflegequalität schliesslich

Damit ist hier der Grad der Übereinstimmung zwischen angestrebten Pflegeziel aus professioneller Sicht, zuzüglich der Erwartung der pflegebedürftigen Person und dem Ergebnis der jeweils erbrachten Pflegeleistung unter Berücksichtigung des Zusammenspiels aller (!) AkteurInnen, die auf das Versorgungsgeschehen und damit auch auf die Pflegequalität selbst Einfluss nehmen.

Die Lebensqualität ist in dieser Definnition somit kein ausschließliches Ergebnis von Pflegequalität, je höher jedoch die Abhängigkeit eines Menschen von Pflege ist, umso wichtiger wird die Pflegequalität für die Lebensqualität der Pflegebedürftigen

Die einzelnen Dimensionen der Lebensqualität

Emotionales Wohlbefinden

Hierzu gehören die Häufigkeit des Erlebens positiver Emotionen wie Glück, Freude, Geborgenheit, Genuss und Gebrauchtwerden sowie die Seltenheit von negativen Emotionen wie Niedergeschlagenheit, Angst, Furcht und Verlassen-sein. Wesentliche Parameter für ein stabiles emotionales Wohlbefinden sind aber auch Identität, Selbstwert und die Verarbeitung von Verlusten.

Physisches (körperliches) Wohlbefinden

Hierzu gehören alle Formen von physischen und psychischen Schmerzen, Funktionseinschränkungen, Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit und wahrgenommene Störungen der inneren Organe. Dahingehenden Äusserungen müssen wahr- und ernstgenommen, aber von pflegerischer Seite auch systematisch erfragt werden.

Hinsichtlich eines so eruierten Missbefindens müssen seitens der medizinischen und pflegerischen Versorgung sofort adäquate, bzw. weiterführende Maßnahmen eingeleitet werden, darüber hinaus aber auch Angebote der Gesundheitsförderung geschaffen werden.

Materielles Wohlbefinden

Betroffene müssen in der selbständigen Erledigung ihrer finanziellen und ökonomischen Angelegenheiten unterstützt und dahingehend ihre Selbständigkeit so lange wie möglich erhalten werden. Über die Möglichkeiten finanzieller Unterstützung und Hilfestellungen muss informiert, das Mitbringen persönlicher Gegenstände sowie eine adäquate individuelle Gestaltung der Wohnung gefördert werden.

Soziale Beziehungen

Zwischen Pflege- bzw. Betreuungspersonen und den Betroffenen müssen – auf Basis der jeweiligen sozialen Passung – tragfähige Beziehungen aufgebaut werden können. Erwünschte und positiv besetzte Beziehungen der KundInnen untereinander sowie zu An- und Zugehörigen müssen gefördert und erhalten, Aktivitäten in Gruppen mit gleichen Bedürfnissen durchgeführt werden. Auf eine positive Dynamik eines, von Respekt und Toleranz getragenen, Miteinanders von Betroffenen und MitarbeiterInnen muss geachtet werden.

Selbstbestimmung

Privatsphäre und Intimität der KundInnen sind zu berücksichtigen, ebenso ihre persönlichen Gewohnheiten und Vorlieben hinsichtlich der Pflege und Betreuung sowie die Förderung ihrer Selbstbestimmung durch Orientierung an persönlichen Zielen.

Dies schließt Aktivtäten und selbstbestimmter Alltagsbeschäftigung frei zu wählen weitgehend mit ein, ebenso allfällige Wünsche bezüglich Sterben und Tod, z. B.  im Sinne einer PatientInnenverfügung oder Vorsorgevollmacht. Aber auch An- und Zugehörige sind ggf. über Bedeutung und Wichtigkeit der Selbstbestimmung aufzuklären.

Persönliche Entwicklung (Bildung, Milieu)

Auf den persönlichen Entwicklungsstand der Betroffenen bezüglich deren intellektuellen und soziokulturellen Prägungen ist in allen Belangen Rücksicht zu nehmen. Wichtige Informationen müssen in einer angemessenen und leicht verständlichen Sprache gegeben, Kommunikationshilfen zur Verfügung gestellt und fachgerecht angewandt werden. Ebenso sind kognitive und mnestische sowie alltagspraktische Fähigkeiten zu trainieren.

Gesellschaftliche Teilhabe (Partizipation)

Wichtige Beziehungen der Betroffenen mit ihrem sozialen Umfeld zur Entwicklung und Sicherung von Partizipation müssen gefördert und erhalten , konkrete Maßnahmen dazu mit den Beteiligten geplant und durchgeführt werden. Informationsmaterial bez. Erreichbarkeit und Ansprechpersonen müssen sowohl den KundInnen als auch Ihren An- und Zugehörigen bereitgestellt werden.

Rechte und Mitbestimmung

Die Betroffenen und ihre An- und Zugehörigen müssen über ihre Rechte in Zusammenhang mit Pflege und Betreuung in einer ihnen verständlichen und nachvollziehbaren Art informiert werden. Eine gemeinsame Entscheidungsfindung bez. einer angemessenen Balance zwischen Rechten und Risiken sowie der Gestaltung zentraler Lebensbedingungen muss mit allen Beteiligten angestrebt werden.

Conclusio

Dass der Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen mit dieser Leitlinie ein hohes Label vorgegeben hat, mag schon sein. Gleichzeitig ist das aber auch der Mindeststandard, den man von Institutionen, die bei jeder Gelegenheit das kleine Wort von der grossen hohen Qualität im Munde führen, erwarten kann. Und auch muss.

Alles andere wäre ein fachlicher und methodischer Niveaulimbo, der vielleicht im Ressort der derzeit amtierenden Krankheitsministerin Usus ist, nicht aber der Motivation entspricht, aus der sich die meisten von uns für diesen Beruf entschieden haben.

Und wenn wir dafür zu wenig oder zu wenig ausgebildete Fachkräfte haben, dann wird es endlich Zeit, dass diese Regierung mehr dagegen tut, als kuschelige Arbeitskreise zu bilden. Oder von einem Lehrberuf „Pflege“ zu träumen, in dem 15jährige die Probleme lösen sollen, wofür wir eigentlich Bastis B-Team bezahlen!


Quelle: Handlungsleitlinie „Entwicklung und Sicherung der Lebensqualität“ des Dachverbandes der Wiener Sozialeinrichtungen

Das Seminar zum Thema finden Sie hier