Ihr habt die Wahl, KollegInnen!

Seit Ende Jänner und noch bis 10. April finden österreichweit die Arbeiterkammerwahlen statt. Und wie alle fünf Jahre, wenn dies der Fall ist, stellt sich auch für die Gesundheitsberufe die Frage: Was tut diese mächtige Vertretung von ArbeitnehmerInnen eigentlich für uns?

Welche Rolle diese Einrichtung in unserem Staat hat, sollte allen seit dem Staatsbürgerkundeunterricht in den Grundschulen bekannt sein und muß hier nicht weiter diskutiert werden. Auf die oben gestellte Frage allerdings gibt nun eine Presseaussendung der AK eine eindrucksvolle Antwort. Wir bringen sie hier im vollen Wortlaut.

Die Menschen werden immer älter. Das ist erfreulich, denn jeder wünscht sich ein langes Leben. Aber natürlich steigen dadurch die Herausforderungen für das Gesundheits­wesen und die Langzeit­betreuung und -pflege: „Es fehlen ausreichend qualifizierte Fachkräfte. Wir diskutieren das derzeit vor allem in Zusammen­hang mit der Altenpflege. Aber nicht nur dort stellt sich dieses Problem. In allen Sparten der Gesundheits­berufe, belastet der Personalmangel die Be­schäf­tigten“, sagt AK Präsidentin Renate Anderl.

Das betrifft Krankenhäuser, Ambulatorien und Reha­bili­tati­ons­ein­richtungen ebenso wie die Haus­kranken­pflege und die Pflege­häuser im Bereich der Langzeit­betreuung und -pflege.

Es ist bereits Gefahr in Verzug: Personalknappheit, der hohe Arbeits- und Zeitdruck, sowie permanentes Einspringen für ausgefallene KollegInnen führen zu Einbußen bei der Versorgungsqualität und zu schwierigen Arbeitsbedingungen. AK Präsidentin Anderl: „Das ist die Realität ganz vieler Beschäftigter in den Gesundheitsberufen. Mit diesen Bedingungen werden wir die künftigen Entwicklungen sicher nicht bewältigen. Wir brauchen Sofortmaßnahmen, um die Versorgung auf tragfähige Beine zu stellen.“

Wo muss man ansetzen? Was ist den Gesundheitsberufen wichtig, womit sind die Beschäftigten zufrieden, was soll sich ändern? Um mehr über die Arbeitssituation der vielfältigen Gesundheitsberufe zu erfahren, hat die AK Wien von Mitte Oktober bis Ende Dezember 2018 eine Online-Befragung unter dem Titel „Wo drückt der Schuh?“ durchgeführt. Über 17.000 Aufrufe des Internet-Fragebogens innerhalb von zweieinhalb Monaten zeigen, dass es mehr als eine schmerz­hafte Druckstelle gibt.

Österreicheweit haben sich Beschäftigte aus unterschiedlichsten Berufsgruppen beteiligt: Von den Hebammen über die Medizinischen Assistenzberufe (MAB), die Medizinisch-Technischen Dienste (MTD-Berufe), MasseurInnen, Klinische und Gesund­heits­psycholog­Innen, Pflegeberufe, SanitäterInnen, Fach- und Diplom­sozial­betreuer­Innen bis hin zu den Zahnärztlichen AssistentInnen. Nicht ausdrücklich angesprochen waren ÄrztInnen, die durch die Ärztekammern vertreten werden. Nichtsdestotrotz haben aber auch etliche VertreterInnen dieser Berufsgruppe an der Befragung teilgenommen.

Schmerz­hafte Druck­stellen

Zu 12 Punkten im Zusammenhang mit der konkreten Arbeitssituation wurden die persönliche Wichtigkeit und die aktuelle Zufriedenheit abgefragt. Besonders wichtig waren den Befragten dabei:

  • Das Arbeitsklima im Team
  • Das Einkommen
  • Die Dienstplangestaltung, insbesondere deren Verlässlichkeit
  • Die direkte Arbeit mit unterstützungsbedürftigen Menschen.

Die Zufriedenheit mit den Arbeitsfaktoren lag allerdings deutlich unter den Ansprüchen der Beschäftigten. Mit der direkten Arbeit mit und für unterstützungsbedürftige Menschen, mit dem Klima in den Teams und mit ihrer Tätigkeit waren die Befragten an sich zufrieden. Große Unzufriedenheit herrscht hingegen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bei der Anerkennung durch andere, bei der Unterstützung durch Vorgesetzte und dem Einkommen.

Einmal mehr zeigt sich: Angehörige der Gesundheitsberufe sind mit ihrem erlernten Beruf grundsätzlich zufrieden. Sie mögen ihre Arbeit. Der Knackpunkt sind die Rahmenbedingungen: Die Schwierigkeiten sind vom einzelnen Wermutstropfen zum bitteren Wermut-Cocktail angewachsen. Das lässt sich für alle Berufsgruppen feststellen.

Bei den Punkten „Einkommen“ und „Unterstützung durch die Vorgesetzten“ gab es Unterschiede zwischen der Einschätzung, wie wichtig das Thema für einzelne Befragten ist und der tatsächlichen Zufriedenheit mit der aktuellen Situation. Wenn jemandem etwa die Unterstützung durch Vorgesetzte sehr wichtig ist, er diese aber in der Arbeitsrealität nicht erhält, entsteht Enttäuschung. Wir können also davon ausgehen, dass viele Menschen in den Gesundheitsberufen große Enttäuschung hinsichtlich ihres Einkommens und/ oder der Unterstützung durch ihre Vorgesetzten verspüren.

Die größte Unzufriedenheit gibt es bei ArbeitnehmerInnen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Sie sind bei acht von zwölf Faktoren deutlich unzufriedener als die KollegInnen aus anderen Bereichen. Hier besteht akuter Handlungsbedarf.

Baustelle Arbeitszeit

Die Einhaltung der vereinbarten Arbeitszeit ist Dreh-und Angelpunkt für Zufriedenheit. Befragte, die regelmäßig genauso viele Stunden arbeiten, wie sie mit dem Arbeitgeber vereinbart haben, waren in allen Bereichen deutlich zufriedener als jene, die von regelmäßigen Mehr- und Überstunden berichteten.

Das ist wenig überraschend. Eingehaltene Dienstpläne ermöglichen planbare Arbeitszeiten, ein planbares Privatleben und damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Diese Faktoren sind von größter Relevanz, deshalb sind die Unterschiede zwischen den Zufriedenen und den Unzufriedenen hier am größten.

Nur bei vier von zehn Befragten wird das vereinbarte Arbeitsausmaß regelmäßig eingehalten. Mehr als die Hälfte (53%) sagten, dass sie regelmäßig mehr Stunden pro Woche als vereinbart arbeiten müssen. Aus Sicht der AK ist diese Dauerbelastung durch Mehrarbeit ein unhaltbarer Zustand. Die permanente Überanstrengung gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten und stellt zudem ein Sicherheitsrisiko für PatientInnen dar.

Jüngere sind unzufriedener als Ältere

Junge Menschen in Gesundheitsberufen sind deutlich unzufriedener mit ihren Arbeitsbedingungen als ihre älteren KollegInnen. Dieses Ergebnis ist insofern brisant, als es zeigt, dass der Nachwuchsmangel keineswegs nur darin begründet liegt, dass der Anteil junger Menschen in der österreichischen Gesellschaft insgesamt sinkt. Das Problem liegt ganz woanders: Die Arbeitsplätze sind einfach nicht attraktiv genug. Es hapert aus Sicht der jungen Menschen beim Arbeitszeitausmaß, der Dienstplangestaltung, den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aber auch beim Einkommen.

Ältere legen mehr Wert auf Qualität

Ältere ArbeitnehmerInnen in den Gesundheitsberufen sind im Schnitt zufriedener als junge. Für sie sind die Qualität ihrer Tätigkeit und die interdisziplinäre Zusammenarbeit wichtiger, sie legen auch größeren Wert auf Anerkennung. Wenn man diese Personengruppe, mit ihrem enormen Erfahrungsschatz, bis zu ihrer Pensionierung auch in den Gesundheitsberufen halten möchte, wird man sich hier gezielte Angebote überlegen müssen.

Männer sind unzufriedener als Frauen

Männer zeigen sich in der Befragung deutlich unzufriedener als Frauen. Bei den beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und beim Einkommen waren die Unterschiede am größten. Eine Erhöhung des Männeranteils in verschiedenen Gesundheitsberufen wird oft als zukunftsweisende Strategie diskutiert. Um mehr Männer für die Gesundheitsberufe zu gewinnen, wird es aber bessere Perspektiven in Sachen Karriere und Einkommen brauchen.

Ein Viertel denkt regelmäßig ans Aufhören

Mangelnde Zufriedenheit bleibt nicht ohne Folgen. Ein Viertel aller Befragten denkt mindestens einmal im Monat ans Aufhören. Etwa fünf Prozent tun das täglich. Beim unzufriedensten Viertel sagten 58,4%, dass sie zumindest einmal pro Monat an Berufsausstieg denken, bei den Zufriedensten lag dieser Anteil bei lediglich 6,1%. Jüngere Angehörige der Gesundheitsberufe und alle, die regelmäßig Mehr- und Überstunden leisten müssen, denken häufiger daran, ihren Beruf zu wechseln. Kurz gesagt: Je höher die Unzufriedenheit, desto häufiger wird an einen Jobwechsel gedacht.

„All das sind denkbar schlechte Voraussetzungen, um ausreichend Personal in unseren Krankenhäusern oder Pflegeheimen zu sichern. Junge Menschen brauchen planbare Arbeitszeiten, gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, attraktive Einstiegsgehälter und interessante berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Ältere Berufstätige brauchen Rahmenbedingungen, die es ihnen ermöglichen, länger und gesund in ihrem Beruf zu bleiben. Imagekampagnen allein werden da nicht weiterhelfen“, betont Anderl.

Die Forderungen der Arbeiterkammer

Wer schnell hilft, hilft doppelt: In allen Gesundheitsbereichen sind die Anforderungen seit Jahren massiv angestiegen. Daher braucht es Sofortmaßnahmen, die die ArbeitnehmerInnen entlasten und die Gesundheits-und Pflegeberufe attraktiver machen. Damit wären zwar nicht alle Probleme auf einen Schlag gelöst, aber man könnte die Situation merklich verbessern. Daher fordert die Arbeiterkammer Sofortmaßnahmen in drei Bereichen:

1. Bereich Einkommen

In den Gesundheitsberufen finden laufend Veränderungen statt. Ausbildungen werden auf Fachhochschulniveau gehoben, neue Berufsbilder eingeführt. Während Verantwortung und Zuständigkeiten immer mehr werden, bleiben die Einkommen aber auf eher moderaten Niveau. So werden viele FachsozialbetreuerInnen mit zweijähriger Ausbildung nur wie einjährig ausgebildete PflegeassistentInnen bezahlt oder ausgebildete Notfallsanitäter nur wie Sanitäter.

Das ist ungerecht. Es braucht die finanzielle Anerkennung der Qualifikationsniveaus und der Verantwortung in der Praxis. Völlig unverständlich ist auch, dass Menschen in Gesundheitsberufen für vergleichbare Tätigkeiten unterschiedlich entlohnt werden. Die Beschäftigten in der Langzeitpflege werden schlechter bezahlt, als in Krankenanstalten. Das führt zu akuten Personalengpässen in den Pflegeheimen und bei den mobilen Diensten.

Die AK fordert daher das Angleichen der Löhne in der Langzeitpflege an jene in den Krankenhäusern. Es ist überhaupt nicht einzusehen, warum die Arbeit mit alten Menschen weniger wert sein sollte als die, mit Jüngeren. Als Best Practice Modell ist hier der Wiener KAV zu nennen. Dort gilt für die MitarbeiterInnen in den Geriatriezentren das gleiche Gehaltsschema wie in den Krankenhäusern.

2. Bereich: Personal

Aber auch die Symptome in Sachen Arbeitsbedingungen sind besorgniserregend: Kaum planbare Arbeitszeiten, steigender Druck durch Ausweitung der Aufgaben, Zeitmangel bei der Versorgung von unterstützungsbedürftigen Menschen, Zeitguthaben, die in der Praxis nicht abgebaut werden können, zu wenig Zeit für Fortbildung und fachlichen Austausch. Die Diagnose ist eindeutig: Eine hauchdünne Personaldecke die zu massiver Unterbesetzung führt.

Für eine erste unmittelbare Entlastung in den Gesundheitsberufen fordert die AK daher sofortige Programme zur Umsetzung von österreichweit 20% mehr Personal in Krankenanstalten und in der Langzeitpflege. Ohne einen deutlich höheren Personaleinsatz wird die Attraktivität der unverzichtbaren Gesundheitsberufe weiter sinken.

„Die Entlastung der Gesundheitsberufe scheint der Bundesregierung allerdings kein großes Anliegen zu sein. Eher im Gegenteil: Mit den aktuellen Entwürfen für das Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz steht eine weitere schwere Belastung für viele Gesundheitsberufe im Raum. Denn die vorgeschlagene Neuregelung der Rufbereitschaft sieht eine Verkürzung der täglichen Ruhezeit vor“, betont die AK Präsidentin.

Bei Arbeiten unter Rufbereitschaft soll der nächste Dienstantritt schon nach fünf statt wie bisher elf Stunden erlaubt sein. Endet eine Tätigkeit während der Rufbereitschaft etwa um 2 Uhr nachts, wäre ein Dienstantritt um 7 Uhr früh möglich.

Anderl: „Eine solche Regelung bei der bereits bestehenden Überlastung der Beschäftigten auch nur anzudenken, grenzt an Fahrlässigkeit: Das gefährdet nicht nur die Gesundheit des Personals, sondern auch jene der PatientInnen.“ Eigentlich sollte alles getan werden, um die Arbeitsbedingungen der Gesundheitsberufe attraktiver zu machen. Doch dieser Vorschlag bewirkt das genaue Gegenteil und wird die Personalknappheit weiter verschärfen.

3. Bereich: Sicherstellung der Finanzierung

Ein modernes und nachhaltiges Gesundheits- und Pflegesystem, das den Bedürfnissen von Beschäftigen und PatientInnen Rechnung trägt, kostet natürlich Geld. In anderen Wirtschaftsbereichen würde eine derart steigende Nachfrage, wie wir sie im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege haben, als Wachstumsmotor gelobt. Millionenschwere Förderprogramme würden ins Leben gerufen, Ausbildungsinitiativen gestartet, Infrastrukturausbau in die Wege geleitet und die enormen Chancen einer wachsenden Branche betont. Dies sollte auch für das Gesundheits- und Pflegesystem gelten. Für den personalintensiven Gesundheitsbereich fehlt hier allerdings noch das Bewusstsein.

„Die politisch Verantwortlichen müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass es mit Imagekampagnen nicht getan sein wird. Es führt kein Weg an einer soliden Finanzierung vorbei. Wir brauchen keine Lippen­bekennt­nisse, sondern Geld. Es muss allen klar sein, dass Investitionen in bessere Rahmen­bedingungen für die Gesundheitsberufe keine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit sind. Es gibt nichts Wichtigeres als unsere Gesundheit, wer hier auf der Kostenbremse steht, gefährdet damit buchstäblich Leben“, warnt Anderl.


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