Das biographische Gespräch

Ein – vor allem in der Altenpflege – wichtiger und unverzichtbarer Teil des diagnostischen Gespräches, der nicht selten zur Gänze der Pflege überlassen wird, ist das biographische Gespräch. Es gibt wichtige Aufschlüsse über positive und negative Ereignisse im Leben eines Menschen, welche diesen geprägt haben.

Mit diesen Erlebnissen, den sog. Life-Events, verbunden sind Gefühle, die wieder Auslöser sein können für bestimmte Verhaltensweisen, die uns sonderbar oder „herausfordernd“ anmuten können. Aber auch die erlernten Bewältigungsstrategien der Betroffenen – die „Copings“ – sind in einer biographischen Erhebung leicht zu erkennen.

Was – theoretisch – so einfach klingt, scheint praktisch aber sehr schwierig zu sein. Zum einen machen uns hier unserer eigenen Vorstellungen und Vorurteile einen dicken Strich durch die Rechnung, zum anderen aber auch organisatorische Vorgaben. Daher gilt es zunächst ein paar Irrtümer zu klären:

1. Die Biographie ist keine Krankheits- oder Sozialanamnese!

Das ärztlich anamnestische Gespräch hat die Krankheitsanamnese zum Inhalt und soll klären, was zu jenem gesundheitlichen Zustand führte, der nun als behandlungswürdig gilt. Die Sozialanamnese soll klären, unter welchen Bedingungen der betroffene Mensch lebt und wie es um sein soziales Netzwerk bestellt ist

2. Die Biographische Erhebung ist nicht jene des Lebenslaufes!

Was uns in der sozialpsychiatrischen Geriatrie interessiert, sind in erster Linie die ersten zwanzig bis fünfundzwanzig Lebensjahre – denn diese sind prägend für das Verhalten eines Menschen. Was eine 80jährige mit 40, 50 oder 60 gemacht hat ist hier irrelevant. Nicht jedoch, wo, wie und unter welchen Umständen sie Kind gewesen ist.

3. Die Biographische Erhebung folgt keiner linearen Logik!

Dies bedeutet dass sie nicht in Form von Fragen und Antworten erfolgt, sondern in der Initiierung von Erzählungen. Es geht nicht um die Lebensgeschichte, sondern um die Lebensgeschichten. Wann und wem diese Geschichten erzählt werden, entscheiden die Betroffenen selbst – sie können aber dazu angeregt werden.

Bedingungen

Es gilt also die prägenden Erlebnisse der betroffenen Menschen in Erfahrung zu bringen und dies gelingt zunächst einmal erst dann, wenn ein bestimmtes Vertrauensverhältnis herrscht, beziehungsweise hergestellt ist. Je tiefer dieses Vertrauen ist, das uns dieser Mensch entgegenbringt, desto mehr wird er über sich erzählen. Und desto wichtiger sind die Inhalte dieser Erzählungen.

Das heisst: Es kann nicht jede und jeder mit jeder und jedem eine biographische Erhebung durchführen. Die „Chemie“ – professioneller ausgedrückt: die soziale Passung – muss stimmen. Das heisst zum einen, Sie sollten aus dem gleichen Holz geschnitzt sein, wie Ihr Gegenüber, im Idealfall der gleichen sozialen Gruppe bzw. Kultur (nicht aber unbedingt Region) entstammen. Und vor allem müssen Sie hier mehr als in allen anderen Gesprächen die Rogers-Kriterien befolgen.

Ein biographisches Erhebungsgespräch ist initiierbar, jedoch nicht konzertierbar. Sollten Sie also vorhaben, am nächsten Donnerstag zwischen 14:00 und 15:00 eine biographische Erhebung mit Frau Nowak zu machen, dann ist Ihr Scheitern schon vorprogrammiert. Nutzen Sie besser bestimmte Gelegenheiten um dabei angemessene biographische Fragen zu stellen.

Die zentrale Frage

Die wichtigste Frage die Sie dabei stellen sollten, lautet: „Wie war das bei euch zuhause?“ Es ist die Kernfrage der biographischen Arbeit überhaupt, denn sie zielt genau auf das ab, was wir dabei suchen: Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend. Das Schlüsselwort ist dabei „bei euch zuhause“, denn diese Redewendung wird immer mit der prägenden Primärfamilie oder sozialen Gruppe mit der wir uns in der Jugend verbunden fühlten, assoziiert.

Rechnen Sie allerdings damit, dass Ihre Frage nicht so beantwortet wird, wie sie sich das wünschen. Oft hat die Antwort mit Ihrer Frage gar nichts zu tun, sondern es wird eine ganz andere, damit gar nicht zusammenhängende Geschichte erzählt. Diese ist aber in jeden Fall von Wichtigkeit, denn sonst würde sie überhaupt nicht mitgeteilt..

So könnten Sie etwa Frau Nowak beim Essen oder Essen austeilen fragen, wie das „bei ihr zuhause“ war, wenn Mittag gegessen wurde und anstatt dass Frau Nowak Ihnen nun erzählt, was wann wie von wem gekocht oder gegessen wurde, erzählt sie Ihnen die Geschichte, wie ihr Bruder immer in die Schüssel mit den Mohnnudeln spuckte, damit sich niemand mehr etwas nahm und nun alles für ihn übrig blieb.

Interpretation

Frau Nowak hat ihnen damit ein wichtiges Life Event erzählt, welches Sie nun interpretieren müssen um deren Vulnerabilität, Vigilanz oder Coping in dieser Geschichte zu erkennen. Und das – die Interpretation des Erzählten – ist zwar des Pudels bzw. der biographischen Arbeit Kern, aber nicht ganz so einfach, wie das von manchen, oberflächlich denkenden, Menschen dargestellt wird.

Zunächst einmal sind Sie selbst, bzw. Ihre Wertvorstellungen sowie Ab- und Zuneigungen das allergrösste Hindernis in der Interpretation. Und das zu überwinden ist wirklich schwierig. Hier hilft zum einen eine grosse eigene Lebenserfahrung, ein gerüttelt Maß an Toleranz sowie jede Menge Gelassenheit. Vor allem aber führen Sie sich immer wieder ins Bewusstsein: Es geht hier nicht um Sie, sondern um Ihr Gegenüber.

Vermeiden Sie also ihre eigenen Vulnerabilitäten, Vigilanzen oder Copings hier zu äussern, die interessieren in diesem Zusammenhang niemand. Verkneifen Sie sich auch jedes moralische oder ästhetische Urteil! Wir haben zu be-, nicht zu verurteilen. Und: Nicht die Frage, ob wir das so wollen, steht zur Debatte sondern ob unsere KlientInnen/ BewohnerInnen/ PatientInnen das so können.

Den zweiten Fehler, den Sie machen können ist, dass Sie zu rasch interpretieren, also noch bevor Sie alle, für eine Urteilsbildung nötigen Informationen haben. Beobachten Sie also die nonverbalen Zeichen von Frau Nowak, während sie das erzählt (und unmittelbar danach). Welche Gefühle werden hier kommuniziert (Ekel? Zorn? Heiterkeit?) und sind diese kongruent zu den mitgeteilten Inhalten?

Klärungen

Falls Sie sich nicht sicher sind, fragen Sie nach: „Wie war denn das für Sie?“ Und wundern Sie sich wieder nicht, wenn Sie doch eine andere Antwort, als jene, die Sie erwartet haben, erhalten oder gar eine sozial erwünschte – die i. Ü. wiederum an der Inkongruenz von nonverbaler zur verbalen Kommunikation erkennbar ist.

„Naja, ‚graust hat mir halt. Schön ist das nicht. Aber gern hab ich ihn trotzdem g’habt, er war ja mein Bruder und sonst ein ganz lieber Kerl. Nur bei den Mohnnudeln, da ist er immer ganz narrisch ‚worden“

Erfragen Sie dabei aber auch, wie sich das unmittelbare Umfeld (Eltern, Geschwister) in der Geschichte verhalten haben. Dies wird in vielen Erhebungen leider komplett vergessen, ist aber für das erlernte Verhalten enorm wichtig: Die Eltern stellten die Verhaltensregeln auf und ahndeten die Übertretungen, die (älteren) Geschwister hatten bereits eigene Strategien entwickelt und wirkten durch ihr Vorbild.

Der Vater hat ihm eine g’schnalzt, wenn er’s g’sehn hat, meine grössere Schwester ist auf ihr Zimmer gegangen und die Mutter hat ihm dann immer ein eigenes Reindl mit Mohnnudeln gemacht.“

Und damit hat Ihnen Frau Nowak nicht nur eine Ihrer Vulnerabilitäten (schlechte Tischmanieren) und eine ihrer Vigilanzen (der Bruder als lieber Kerl) gesagt, sondern auch gleich drei Copings erzählt, wie sie mit Herrn Wessely, den ehemaligen Obdachlosen, der jetzt mit ihr an einem Tisch sitzt, sich beim Essen oft anpatzt und auch gerne mal mit den Fingern in den Salat greift, umgehen will.

Nun dürfen Sie wählen, wie Sie auf diesen täglichen Konflikt zwischen Frau Nowak und Herrn Wessely reagieren: Entweder klären sie das durch einen Machteingriff, wie der Vater (natürlich nicht, indem Sie Herrn Wessely „eine schnalzen“) oder Sie trennen Frau Nowak von Herrn Wessely, wie sich ihre Schwester damals vom gemeinsamen Tisch entfernt hat oder Sie finden einen anderen, für alle akzeptablen Kompromiss wie damals Frau Nowaks Mutter.

Konsequenzen für die Pflegeplanung

Natürlich findet das jetzt seinen Niederschlag in der Dokumentation. Sie definieren die aus der Interpretation abgeleitete Vigilanz und Vulnerabilität, sowie das akzeptable Coping. Letzteres gilt gleichzeitig als Ressource und ist damit zu erhalten und zu fördern. (Und bedenken Sie dabei auch, welche Auswirkungen Ihre Entscheidung auf andere hat: Herrn Wessely, die MitbewohnerInnen und Ihre KollegInnen.)

Fragt sich hier lediglich noch, wie das dokumentiert wird. Unserer Meinung ist das beste Biographie-Erhebungsblatt ein weisses Blatt ohne Raster und Skalen. Wenn allerdings jemand unbedingt die Struktur eines Rasters benötigt, dann tun es drei einfache Spalten:

  • In die erste werden Vulnerablitäten (Was mag Frau Nowak?) und/oder Vigilanzen (Was mag sie nicht?) eingetragen,
  • in die zweite das von ihr praktizierte Coping (Bewältigungsstrategie) bzw. die von ihr implizit vorgeschlagenen Lösungen und
  • in die dritte, die von Ihnen getroffenen Entscheidung (die u.U. auch eine andere Lösung sein kann, als eine der von Frau Nowak optierten)

Fertig, sitzt, passt und hat Luft. Mit einem geplanten, als biographisch nur umschriebenen Gespräch am Donnerstag, wären Sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so weit gekommen.

Probleme, die keine sind

„Was aber, wenn Frau Nowak schon so dement ist, dass sie sich gar nicht mehr an das erinnern kann, wie zu hause gegessen wurde? Wie erfahren wir das dann?“ – Diese Frage musste ja kommen, klar. Sie beruht meist auf Fehleinschätzungen und Befürchtungen unsererseits.

Zum einen: Über mehr als 80% der durchschnittlichen Dauer einer Demenz bleibt die Sprechfähigkeit der Betroffenen intakt. Das einzige, das sich ändern kann, ist die Sprache – also wie etwas, nicht was gesagt wird. Bedenken sie das, ist eine verbale Kommunikation mit dementen Menschen generell sehr lange möglich. Erst wenn die Wortfindungsstörungen massiver werden, wird es schwieriger.

Aber selbst dann geht die Kommunikation weiter. Wir erinnern an das erste und vierte Watzlawicksche Axion (können sie hier nachlesen) sowie an die Tatsache, dass nur 10% der Kommunikation verbal abläuft und Emotionen immer nonverbal kommuniziert werden. Also beobachten sie Frau Nowak – die teilt ihre Abneigung gegen Herrn Wesselys Tischmanieren auch anders mit, als durch Worte.

Biographische Quellen

Wir könnten auch sagen, dass wir uns in der biographischen Erhebung drei Quellen unterschiedlicher Ordnung zunutze machen:

1. Die Geschichten, die uns die BewohnerInnen/ KlientInnen über sich selbst erzählen. Diese sind die wichtigste Quelle, sie müssen jedoch, wie oben beschrieben, auch interpretiert werden, um die Vigilanzen, Vulnerabilitäten und Copings herauszufiltern.

2. Die Geschichten, die uns andere über die BewohnerInnen erzählen. Hier sind vor allem die An- und Zugehörigen, aber auch Freunde und Nachbarn zu verstehen, sowie andere ProfessionistInnen, welche die Betroffenen bereits kennen.

Wichtig zu wissen ist hier, dass diese Quelle eingetrübt ist – nämlich durch die jeweils gemeinsame Geschichte der Erzählenden mit den betroffenen Alten. Wir müssen hier also eine doppelte Interpretation anstellen: Was an der Geschichte ist tatsächlich die Biographie und was wurde von anderen „hineininterpretiert“?

3. Die von uns beobachtbaren Verhaltensweisen der BewohnerInnen/ KlientInnen und deren Interpretation in einem zeitgeschichtlichen und kulturhistorischen Kontext von Prägungszeit sowie dem damaligen soziokulturellem Umfeld.

Diese Quelle ist ebenfalls eingetrübt und oft mehr als die zweite. Denn wir selbst und unsere Gefühle, Werte und (Vor-)Urteile sind es, die uns den klaren Blick auf die Fakten nehmen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Dem ist nur mit einer hohen Bereitschaft zur ständigen Selbstreflexion und einer guten Teamarbeit entgegenzuwirken.

Im nächsten Teil: Motivierende und supportive Gespräche

Bisher erschienen:

Das Seminar zum Thema Kommunikation gibts hier.

Ein Seminar zum Thema Biographie gibts hier.