Ugur und Farhad – zwei Migrantenleben

Migranten – vor allem muslimische – sind faul, dumm und liegen uns armen Inländern auf der Tasche. So der allgemeine Tenor in Österreich und Deutschland nach der grossen Migrationsbewegung von 2015. Eine Meinung die von populistischen Hetzern in beiden Regierungen herbeifantasiert wird, um von den eigentlichen Problemen hierzulande abzulenken. Und hunderttausende gehen ohne viel nachzudenken den Waldhäusln und Landbauern auf den Leim.

Wir wollten es wie immer etwas genauer wissen und haben uns zwei dieser Migrantenschicksale mal genauer angesehen, bzw. den Betroffenen Gelegenheit gegeben ihre eigene Gesichte zu erzählen. Ugur, Kind türkischer Gastarbeiter, geboren 1987 und Farhad, ein heute 18jähriger Flüchtling aus Afghanistan. Einfach nur so zum Nachdenken. Könnte ja sein, es nutzt was.

Ugurs Geschichte

Geboren bin ich im Jahr 1987 in München. Kind von zwei türkischen Gastarbeitern die im Jahr 1972 nach Deutschland gekommen sind, weil sie für sich und ihre Kinder ein besseres Leben gewünscht haben. Ein Schicksal, dass sie sich mit vielen Generationen von Menschen die auch heute nach Deutschland kommen teilen.

Aufgewachsen bin ich im Münchner Norden /Am Hart -Harthof. Dem Stadtteil mit dem größten Migrationsanteil in München. Heute würde man Problemstadtviertel sagen. Rapper würden sagen “Ghetto”. Ich sage einfach, ein sozial schwaches Viertel. Ich war auch sozial schwach- bis ich die Altenpflege entdeckte. 2001 habe ich meinen Qualifzierten Hauptschulabschluss gemacht.

Nachdem ich diesen hatte wusste ich nicht was ich machen soll und habe Not gedrungen eine Ausbildung im September 2001 zum Elektriker angefangen. Mit 15 Jahren kann man von einem jungen Menschen nicht erwarten eine Entscheidung fürs Leben zu treffen. Nach wirklich hartem Arbeiten auf der Baustelle wurde ich mitten ins Leben geworfen. Anfang 2002 ist mein Ausbidlungsbetrieb insolvent gegangen. So dass ich mit leeren Händen da stand. Zum einen wusste ich nicht was ich aus meinem Leben machen soll und zum anderen hatte ich kein Ausbildungsplatz mehr.

Eine Zeit die beruflich und menschlich damals wirklich schlimm war, ich jedoch sehr viel daraus gelernt habe. Nun wurde ich Arbeitslos und wusste nicht wohin. Mit Glück, Hilfe etc. habe ich dann nach gefühlt 100 Bewerbungen einen Ausbildungsplatz als Bäcker bekommen. Eine Ausbildung in der so hart körperlich gearbeitet habe wie ich es in Zukunft nicht mehr werden würde. Ich habe die Ausbildung im Februar 2003 begonnen. Drei Jahre harte Arbeit, jeden Tag um 03:00 Uhr aufstehen und kaum ein soziales Leben.

Nach drei Jahren Ausbildung war ich im Jahr 2007 fertig. Mit einer Ausbildung die mir nicht gefallen hat. Ein Job den ich nicht gemocht habe und man vor 10 Jahren ca. 1000 Netto verdient hat… Also stand ich schon wieder vor der selben Situation wie vor drei Jahren.

Nun kam der Wendepunkt in meinem Leben. Über einen Zufall habe ich die Altenpflege kennengelernt und für eine Woche ein Praktikum im Seniorenwohnen Kieferngarten (RKS Bayerisches Rotes Kreuz) im Jahr 2007 gemacht. Ab der ersten Sekunde war mir klar, dass ist genau ein Ding. Ich habe sofort nach einer Ausbildung angefragt und habe diese im Jahr 2007 begonnen.

Eine Ausbildung die mich zu einem reiferen, besseren und erfolgreichen Menschen gemacht hat. Als ich mit dieser angefangen habe, habe ich aufgehört Fußball zu spielen. Warum? Weil ich mich hierauf konzentriert habe. Zum damaligen Zeitpunkt eine verrückte Entscheidung. Ich habe mit Fußball Geld verdient. Mit dem heutigen Blick alles richtig gemacht. Prioritäten gesetzt.

Schon in der Ausbildung habe ich Flyer der Hamburger Fern-Hochschule gesehen. „Studieren ohne Abitur“ – Altenpfleger. Was? Studieren ohne Abitur? Man hat mir mein Leben lang gesagt, ohne Studium wirst und bist du nichts. Du bist Türke, aus dir wird nie was usw…. Also war mir schon im ersten Ausbildungsjahr klar das ich studieren möchte. Auch war mir vom ersten Tag an klar, dass ich „Einrichtungsleitung“ werden wollte.

Die Ausbildung habe ich das erste Mal etwas in meinem Leben – mit einer Eins beendet. Warum? Weil mich alles so extrem interessiert hat. DenaMusik nannte mich “Lexikon”. Das wurde ich erst durch die Altenpflege… Für die gute Ausbildung gab es ’ne Auszeichnung etc. So dass ich gleich nach der Ausbildung 2010 den Kurs zur PDL begonnen habe. Mit dem Beenden meiner Ausbildung war mir auch klar, dass ich in Verantwortung gehen wollte – ich wollte ja Heimleiter werde. Also habe ich meine Ausbildungsstätte mit einem weinenden Auge verlassen. Aber es war mir klar, wenn ich mal ein großer werden möchte, musst du deinen eigenen Weg gehen.

Ich habe dann eine Stelle über stv. WBL, WBL und QMB alles durchlaufen. Ende 2011 habe ich dann auch mit der abgeschlossenen PDL Weiterbildung endlich das Studium an der HFH begonnen. „Gesundheits- und Sozialmanagement“. Schwerpunkt stationäre Pflege. Für dieses habe ich von der Stiftung Begabtenförderung ein Stipendium erhalten. Durch Zufall kam ich zwischenzeitlich auf das Trainee-Programm der Victor´s Unternehmensgruppe.

Nach einem Gespräch in Saarbrücken war mir klar, hier willst du arbeiten. Mein Trainee Einsatzort (Weich-Ebersbach). Erwähnt sei hier , dass ich jeder einzelnen Arbeitsstelle die erwähnt wird nachgezogen bin. Die Nähe zur Arbeit, Region und Menschen war immer von Vorteil.

Nun, ich hatte das Glück von den beiden dienstältesten Kolleg/innen Heimleitung und PDL im Unternehmen zu lernen und habe 12 Monate über ihre Schulter schauen dürfen. Ich habe menschlich, fachlich, Management etc. so viel gelernt. Wäre die Zeit nicht gewesen, könnte ich das heute nicht schreiben. Ich wurde also vorbereitet durch Schulungen in Saarbrücken und den praktischen Einsatz vor Ort. Danke dafür!

Zum Ende des Traineeprogramms hat es sich abgezeichnet, dass eine Stelle in Friedberg als PDL frei wird. Die Heimleitung die hat an mich geglaubt und einer jungen PDL eine Chance gegeben. Also wurde ich im Jahr 2013 mit 25 Jahren Pflegediesntleitung eines Pflegeheims mit 105 Bewohnern. Eine sehr erfolgreiche Zeit!

Nun ging es unternehmensintern weiter nach Bissingen(Donauwörth). Dort wurde ich PDL und zeitgleich stv. Heimleitung. In der Zeit habe ich auch mein Masterstudium begonnen. Nachdem wir auch in Bissingen äußerst erfolgreich waren wollte ich zurück in meine Heimat Oberbayern und zeitgleich Heimleitung werden.

Nach einem Mailverkehr mit meinem jetzigen Geschäftsführer und einem Treffen mit Ihm und meiner jetzigen Chefin am Chiemsee habe ich keine Sekunde gezögert und bin nach Ruhpolding gewechselt – nach meiner Frau und der Pflegeausbildung die beste Entscheidung!

Die Erfolgsgeschichte von Ruhpolding wurde schon mehrfach erzählt. Sie hat im Oktober 2015 begonnen und geht hoffentlich erfolgreich positiv weiter! In diesem Kontext möchte ich jedoch erwähnen, dass die härtesten beruflichen Wochen meines Lebens in Ruhpolding erlebt habe. Ohne meine operative Leitung, dem mobilen Führungsteam und ich es nicht geschafft hätte. Man waren das Zeiten die wirklich Wort wörtlich an die Substanz gingen. Heute kann ich drüber schreiben…

Stichpunktartig geschah folgendes:

  • Wir haben nach und nach ein tolles Team aufgebaut .
  • Zwischenzeitlich habe ich mein Master zu Ende gebracht (mit einem Deutschlandstipendium) und strebe aktuell eine Promotion an.
  • Ich bin der erste aus der Altenpflege der unter die Top 3 des Pflegemanagement Awards gekommen ist.
  • Ich bin Dozent für die angehenden Pflegemanager/innen am GGSD in Rosenheim.
  • Auf XING der einzige Brancheninsider sowie V-Logger auf Facebook.

Hoffentlich geht die Geschichte positiv weiter! Ich habe das Fallen gelernt. Das Weinen gelernt. Bin demütiger geworden und dankbar. Dankbar für Gesundheit und das Glück das man im Leben hat. Nichts im Leben ist selbstverständlich!

Danke Gott, Danke Altenpflege, Danke Victors, Danke an meine Geschäftsführung , Danke operative Leitung, Danke mobiles Team ,Danke SenVital Ruhpolding, Danke meiner Mutter und der größte Danke geht an meine Frau ohne die ich nichts geschafft hätte!

2018 habe ich mit einem Doktoratsstudium an der PMU (Paracelsus Medizinische Universität) Salzburg begonnen. So dass ich hoffentlich, so Gott möchte und es mir gelingt ca. im Jahr 2024/2025 einen Doktortitel erlangen werde.

Wer mit Ugur in Kontakt treten will, kann dies über Facebook machen.

Und hier die Geschichte von Farhad:

Ich heiße Farhad und bin 2015 als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Österreich gekommen. Ich verbrachte zwei Jahre in einer Wohngemeinschaft für minderjährige Flüchtlinge in Herzogenburg. Ich habe Deutsch-Kurse besucht und den B1-Abschluss gemacht. Im Herbst 2018 konnte ich eine Ausbildung am Bildungszentrum für Gesundheit und für Sozialberufe in St. Pölten beginnen.

Meine Familie lebt im Iran. Als meine Familie aus Afghanistan geflüchtet ist, war ich ein Kind. Ich habe viel Angst gehabt. Wir wurden in Afghanistan bedroht und die Taliban wollten unser Haus und dann auch mich und meine Gewschwister mitnehmen.

Im Iran durfte ich nicht zur Schule gehen und habe auch keine Arbeit gefunden. Unser Haus im Iran wurde wieder von den Taliban bedroht und angezündet. Meine Schwester wäre fast verbrannt. Ich hatte sehr viel Angst. Deshalb bin ich 2015 nach Österreich geflüchtet. Da war ich 16 Jahre alt.

Hier in Österreich darf ich etwas lernen und ich hatte auch keine Angst mehr. Aber jetzt droht mir die Abschiebung nach Afghanistan – nach meinem zweiten negativen Bescheid. Ich möchte aber nicht zurück, weil ich Angst vor den Taliban habe und auch keine Verwandte in Afghanistan kenne. Ich wäre ganz allein. Ich weiß nicht, wie ich dort überleben kann. Ich war doch ein Kind, als wir das Land verlassen haben.

Ich habe hier ein neues Leben aufgebaut und habe viele Freunde kennen gelernt. Die haben mir statt meiner Familie immer geholfen und ich möchte sie nicht verlieren.

Ich brauche Eure Unterstützung und Hilfe, damit ich hierbleiben und meinen Wunsch erreichen kann, als Altenpfleger in Österreich zu arbeiten.

Wer etwas für Farhad tun will, kann dies (noch) hier machen.

Handelt! Denn wer schweigt, stimmt zu.