Kommunikation – Jetzt einmal nonverbal!

Kommunikation besteht, wie wir in den vorhergehenden Beiträgen unserer Serie bereits erwähnt haben, nur aus einem kleinen Teil verbaler Botschaften. Normalerweise übermitteln wir gemeinsam mit Worten und Sätzen auch viele nonverbale Signale, die der verbalen Botschaft Nachdruck verleihen, sie modifizieren, ersetzen oder aber auch in Widerspruch mit ihr stehen können.

Nonverbale Botschaften sind aber nicht einfach eine Alternative zur Sprache, denn die Unterschiede zur verbalen Kommunikation sind beträchtlich. Das Decodieren von und Reagieren auf nonverbale Signale geht sehr viel unvermittelter und automatischer vonstatten, als das bei verbalen Botschaften der Fall ist.

So brauchen wir erheblich länger, bis wir eine verbale Äußerung verstanden, interpretiert und uns für eine geeignete Erwiderung entschieden haben. Auch sind nonverbale Botschaften viel seltener der Gegenstand bewusster Interpretation und überlegten Einsatzes. Ein weiterer Unterschied:  Informationen über Einstellungen und Emotionen werden nonverbal viel effizienter übermittelt als verbal.

Das heißt, dass Sprache ihre Funktion dann am besten erfüllt, wenn Informationen über die äußere Welt, Handlungsanweisungen u. ä. zu übermitteln sollen, während nonverbale Botschaften im sozialen Miteinander eine wichtigere Rolle spielen und Werthaltungen sowie Einstellungen und Gefühle mitteilen.

Wir drücken also das nonverbal aus, was sprachlich schwer zu fassen ist und setzen nonverbale Signale (oft unbewusst) ein, wenn es gilt:

  1. Sich selbst darzustellen
  2. Einstellungen zu kommunizieren
  3. Emotionale Zustände mitzuteilen
  4. Eine soziale Situation zu steuern
  5. Die verbale Kommunikation zu verstärken

Dabei kommunizieren wir mit Blick, Mimik, Gestik, Haltung, Stimmlage, Kleidung und Distanzverhalten. Gewöhnlich sind diese Botschaften mit unseren verbalen Botschaften koordiniert (also kongruent). Stimmen verbale und nonverbale Botschaften nicht überein, landen wir wieder in der inkongruenten Kommunikation.

Blick und Blickwechsel

Der Blick ist eines der häufigsten und wirksamsten nonverbalen Signale. Die Augen gehören zu denjenigen Symbolen, denen wir automatisch unsere Aufmerksamkeit zuwenden und sind seit jeher Gegenstand von spirituellen Überzeugungen. Ein langer Blick signalisiert konzentriertes Interesse wodurch beim Angesehenen die Erregung steigt. Allerdings hängt es vom Kontext ab, was ein Blickkontakt bedeutet. Er kann Intimität, Engagement, Anziehung, ab er auch Dominanz, Aggression und Überlegenheit signalisieren.

Unser Blick ruft nicht nur Erregung beim Betrachteten hervor, sondern kommuniziert auch unsere eigene Erregung: Pupillen verändern ihre Größe nicht nur mit der Lichtintensität sondern auch mit dem Grad unserer Erregung. Und diese ändert sich, wenn wir auf Menschen in unserer Umgebung mit Wohlgefallen oder Missgefallen reagieren.

Visuelle Balance (wer wen wann wie lange wie und wie oft ansieht) ist bestimmt von Geschlecht, Status, Vertrautheit der Partner und Natur der Interaktion. Sogar in einseitigen Interaktionen (z. B. Monologen) müssen die Blickmuster stimmen, wenn die Interaktion reibungslos verlaufen soll.

Der Hörer hat den Blick etwas häufiger auf den Sprecher gerichtet als umgekehrt und die Dauer des eigentlichen Blickkontaktes ist auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt. In einem typischen Zweiergespräch hat zu etwa 60% der Zeit einer der beiden Partner den Blick auf den anderen gerichtet, ihre Blicke treffen sich aber lediglich zu 30%. Der Blickkontakt dauert dabei durchschnittlich eine Sekunde, während der Blick der dem anderen gilt (Verliebte mal ausgenommen) etwa drei Sekunden dauert.

In der Rolle des Hörenden blickt man den anderen mehr an (75% der Zeit), als in der Rolle des Sprechers – allerdings kann ein zu lange dauerndes Anblicken (Starren) relativ rasch verunsichernd wirken und als Aggression interpretiert werden.

Parasprachliche Reize

Was wir verbal ausdrücken ist die sprachliche Botschaft, wie wir etwas sagen, ist Teil der parasprachlichen Botschaft. Sehr allgemein kann man damit alle nicht-verbalen stimmlichen Reize definieren. Manche davon sind eng mit der jeweiligen Äußerung verbunden (Intonation, Rhythmus, Lautstärke und Tempo) andere wiederum, wie Tonfall und Lautstärke, können auch überdauernde Persönlichkeitsmerkmale sein. Eine dritte Gruppe von Vokalisationen – Lachen, Weinen, Seufzen, Gähnen, Pfeifen – übermitteln eigene, nonverbale Botschaften.

Untersuchungen zeigten, dass bestimmte emotionale Informationen sehr effektiv von Stimmreizen übermittelt werden, etwa Zorn, Angst, Traurigkeit, etc. Dies geschieht durch Variation von Tonhöhe und Sprechtempo. Langsames Tempo und kleine Variationen in der Tonhöhe signalisieren  negative Emotionen, hohes Tempo und große Tonhöhenvariationen dagegen eher positive Gefühle.

Aber auch der Akzent kann sehr viel über ethnischen Hintergrund, sozialen Status und Bildungsniveau des Sprechers verraten. Wie der Akzent wahrgenommen wird, hängt überdies vom Geschlecht des Gesprächspartners und vom Kontext ab. So kann die selbe Botschaft, abhängig davon ob sie in Unter- oder Oberschichtsprache erfolgt, von höchst unterschiedlicher Überzeugungskraft sein.

Mimik und Gestik

Wenn wir mit anderen kommunizieren, tun wir das mit unserem gesamten Körper – also Gesicht, Körperhaltung und Bewegung der Extremitäten. Interessant ist dabei, dass gerade die letztere mehr über unsere tatsächlichen Kommunikationsabsichten und -hintergründe aussagen können, als Mimik und Blick, weil sie wesentlich besser und bewusster kontrolliert und werden kann.

Als die Mimik werden die Bewegungen der Gesichtsoberfläche bezeichnet. In den meisten Fällen entsteht ein Gesamteindruck aus einzelnen mimischen Facetten, da die einzelnen Bewegungen der Gesichtsmuskulatur in Sekundenbruchteilen ablaufen.

Gesten sind eine spezielle Kategorie stark kulturabhängiger Körperbewegungen, die der Unterstreichung der verbalen Botschaften (sogenannte „Illustratoren“) oder aber auch kulturübergreifend sein können z. B. das V – Zeichen für „Victory“, „den Vogel zeigen“ oder der berüchtigte „Stinkefinger“. Diese Gesten werden auch Embleme genannt und sollen meist verbale Kommunikation ersetzen.

Raum und Distanz

Wir segmentieren unsere Umgebung in vier abgegrenzte Regionen, die unseren Körper umgeben wie unsichtbare Blasen: die intime Zone (0 – 50 cm), die persönliche Zone (50 – 100 cm), die soziale Zone (100 – 300 cm) und die öffentliche Zone ( über 300 cm). Für jede dieser Interaktionszonen gibt es bestimmte unterschiedliche Normen, Erwartungen und Verhaltensweisen.

So ist die intime Zone verständlicherweise nur dem/der PartnerIn (aber auch den Eltern) vorbehalten, die persönliche Zone Freunden und Vertrauten und die soziale Zone weniger vertrauten Bekannten. Zu Fremden halten wir uns – wollen wir sie nicht „näher“ kennen lernen „auf Distanz“ oder schaffen Barrieren (z. B. den Schreibtisch).

Diese Zonen spielen auch bei allen alltäglichen Pflegehandlungen eine bedeutsame Rolle auf die unbedingt Rücksicht zu nehmen ist! Müssen wir diese Distanzen aus welchen Gründen auch immer überschreiten, dann immer nur für die wirklich unbedingt notwendige Dauer und im Einverständnis mit dem Betroffenen.

Territorialität

Abgesehen von den dynamischen und meistl leicht veränderbaren Dimension von Raum und Distanz, gibt es auch physikalische Bereiche, auf die wir dauerhaften Anspruch erheben. Territorialität ist eines der wesentlichsten Merkmale tierischer Sozialsysteme, kommen aber auch beim Menschen vor.

So sind vor allem unsere Häuser und Wohnungen primäre Territorien, in deren Gestaltung unsere Werte und Identität eingehen und die aufschlussreiche nonverbale Information über ihre Bewohner hergeben. Eine ähnliche Territorialfunktion hat die aber auch persönliche Gestaltung des Arbeitsplatzes oder des eigenen Autos.

Neben solchen relativ dauerhaft besetzten Territorien gibt es öffentliche Areale (z. B. den Tisch in einem Restaurant) auf die wir nur kurzfristig Anspruch erheben. Diese befristeten Territorien pflegen wir symbolisch – mit einem persönlichen Gegenstand (etwa einer Zeitung oder einem Kleidungsstück) zu markieren.

Berührung

Berührungen gehören zu den wichtigsten nonverbalen Signalen unserer ersten Lebensjahre und machen einen Grossteil der frühen Eltern-Kind-Kommunikation aus. Zwischen Erwachsenen unterliegen Berührungen meist strengen kulturspezifischen Konventionen. Wer wen wo wann und wie berühren darf, ist meist genau geregelt.

Oft haben Berührungen einen rituellen Charakter zu denen Männer und ältere Menschen häufiger tendieren als jüngere und Frauen. Berührungen können aber auch Dominanz und soziale Überlegenheit signalisieren: Unterwürfige oder Rang-niedere sind „angreifbarer“ als Gleichgestellte oder Dominante.

Eine „Politik des Berührens“ findet zwischen Mann und Frau ebenso statt wie zwischen kulturellen und ethnischen Gruppen, Statusgruppen und sozialen Schichten. In der Öffentlichkeit ergreifen Männer öfters die Berührungsinitiative. Manche Geste zwischen den Geschlechtern dokumentieren allerdings eher Macht und Besitzrecht, als Zuneigung und Engagement

Wie in dem uns umgebenden Raum unterscheiden wir auch an unserem Körper verschiedene Regionen, die bestimmten Menschen vorbehalten sind.  So gelten etwa die Hände als soziale Region, die den meisten Menschen, die es mit uns zu tun haben, offen steht. (Jemand nicht die Hand zu geben gilt in unserer Kultur als Unhöflichkeit)

Schultern, Beine und Oberarme gelten als persönliche Region, die nur von Menschen unseres Vertrauens berührt werden sollen. Machen das andere, löst dies mitunter sehr unangenehme Gefühle aus. Gesicht, Brust und Intimbereich sind die intime Region unseres Körpers, an die wir nur unsere aktuellen Lebenspartner und unsere Eltern lassen.

In der Pflege erhält Berührung eine besondere Bedeutung vor allem bei affektiv oder kognitiv beeinträchtigten, sowie bei bewusstseins-, wahrnehmungs- oder funktionsgestörten PatientInnen.

Demnächst im 5. Teil: Grundlagen der Gesprächsführung

Bisher erschienen:

Das Seminar zum Thema gibts hier.