Silvester mit der Schwester

Willkommen im neuen Jahr! Wir hoffen, 2018 war schlecht genug, damit Sie für 2019 schon mal vorbereitet sind. Denn die Strasse zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert, Basti und Bumsti haben noch jede Menge netter Überraschungen bereit und Alexa erkennt jetzt schon an Ihrer Stimme, ob Sie wirklich krank sind oder nur simulieren (ein klärendes E-Mail an den Arbeitgeber inbegriffen.)

In diesem Sinne können wir das lustige Sudern und Seiern über Gott und die Welt munter fortsetzen. Damit man auch so recht Laune dazu entwickelt, haben wir Ihnen allen ein Neujahrsgeschenk mitgebracht: einen Beitrag vom Blog Monja Schünemanns. Könnte ja sein, es geht Ihnen dabei wie uns und Sie freuen sich wieder über Ihren Job mit den paar verhaltensauffälligen Dementen …

Die Initiationsnacht der ganz Harten

Es gibt diese Dinge, von denen Dir klar ist, dass Du sie gesehen haben musst. Diese besonderen Angelegenheiten über die Du Dein Leben lang erzählen wirst. Das leibhaftig gewordene Chaos, das eisenharte Retten. Silvester auf der Rettungsstelle gehört dazu.

Ich war noch ganz jung, gerade 19, als ich meinen Wahleinsatz auf der ZNA hatte. DER ZNA damals. Ich fuhr RTW seit meinem 16. Lebensjahr und war gespannt. „Da wirst Du was erleben“ orakelte der Chef, Willi, der natürlich selbst diese Nacht immer mitmachte. Die Silvesternacht, das war sowas wie die Initiationsnacht der ganz Harten, der Könner. Man konnte hier nur lernen. Als Lernschwester lernte ich dort, dank Willi und Ursel, ne Menge. In dieser Nacht Tetanol und Tetagam aufziehen. „Kommen wir später nicht mehr zu! Es wird die HÖ-LL-E!“

Es wurde 0:00. Gleich ist es soweit.

Es wurde 0:15. Aber gleich.

0:30…. ein Betrunkener stolperte mit seinem Kumpel in die ZNA. Seine linke Hand hielt er in einem Emaillenachttopf, in dem ein bisschen Eis war – seine verbrannte Hand und eine Flasche Sekt. „Öy, jetzt stoßen wir erstmal an. Kann ja nur besser werden, wa?“

1989. Das Jahr, in dem im Wedding nichts passierte, brachte mir erstmal den Ruf einer Einsatzbremse ein. *schulterzuck* Sehr viel später kam noch „Sprung vor U-Bahn“ und sie arbeiteten ewig im Schockraum. „Es gibt nichts dort zu sehen! Raus!“. Früher hat man vor den wirklich ätzenden Sachen seine Kleinen noch geschützt. Deshalb sah ich nur kurz, wie sie keine Auffangbehälter für die Abstufung mehr hatten und das Blut vom Bauchraum einfach auf den Boden saugten – drum geschissen – aber es gab eine feine Grenze zwischen „das muss man können“ und „Kinder traumatisieren.“ Vermutlich habe ich deshalb lange später auf einer ZNA (DER ZNA) ausgehalten.

Später, auf einer der größten ZNA Europas, lachte ich immer über die Nacht, als wir so viel Spritzen wegschmissen.  Ab 0:01 ging die Glocke und hörte nie, nie mehr auf. Bis zu 250 Patienten versorgten wir an diesem Tag, die meisten nachts. Abgeböllerte Finger, Verbrennungen. Ein Mann wollte den brennenden Tannenbaum aus dem Fenster werfen um seine Wohnung und die Kinder zu beschützen. Wir haben ihn ewig in Narkose gebürstet. (Das ist, wenn man mit Drahtbürsten das verbrannte Fleisch, das weiß aussieht und wie Hühnchen, wegbürstet, bis man wieder an durchblutetes Gewebe kommt).

Ich erinnere mich an Nächte, an denen man mir Wagenladungen voll Lavasept in den Schockraum brachte und ich mit beiden Händen das Zeug über Leiber kippte, bis ich selber aussah, wie frisch gebadet und nass bis auf die Knochen war. Ich erinnere mich an den jungen Mann, der mit den abgeschossenen Fingern fragte: „Und wie macht ihr die jetzt wieder dran? Sie sind doch weg!!“ (Gar nicht, aber das erzählt man ja nicht). Natürlich zählte ich da schon zu den „ganz Harten“. Pfft. Ich war jung und brauchte das Gefühl, wichtige Sachen gemacht zu haben. (Das vergeht dann)

Aber das Schlimmste, was ich je sah, das kam nicht mit dem RTW auf uns zu. Ich hatte Dienst (mein Chef hatte das Haus gewechselt und ich durfte mit der Elite der südlichen Stadt DIESE Nacht verbringen) und wir durften draußen einen Kaffee trinken. Drinnen tobte der Bär. Aus dem Dunkeln des Parks kamen zwei junge Frauen/Mädchen auf mich zu. Eine hielt sich ein Küchenhandtuch vors Gesicht. Ich erinnere mich an das blauweiß karierte Muster. „Können Sie uns helfen?“. Das war sehr wahrscheinlich. Ich fragte, was denn passiert ist. „Die Rakete kam einfach auf sie zu!“ Ich verstand. Ich nahm an, einen Funken ins Auge bekommen. Sowas tut weh. Ist auch gefährlich. Mutig von den Beiden, einfach durch die Nacht zu laufen. „Zeig mal! Lass mich mal sehen!“ Im Geiste bereitete ich eine Augenspülung vor. Zögernd nahm das junge Mädchen das Tuch ab. Ganz, ganz langsam.

Ich war da schon 20 Jahre erfahren. Manchmal kommt die Initiation, wenn man sie nicht mehr erwartet. Wenn einen keiner schützt. Hinter dem Tuch quoll im Bereich neben der Nase rotes Fleisch hervor. Mit Schmauchspuren. Und aus diesem klaffenden Loch quoll der zerfetzte Glaskörper dessen, was früher einmal das Auge des Mädchens gewesen war. Weil ich einfach WUSSTE, dass sie an meinem Blick sehen wollten, was ich dachte, riss ich mich zusammen. „Ok! Komm mit rein!“ „Werd ich operiert?“ „Ganz bestimmt!“ Ich nahm sie in den Arm und begleitete sie rein. Jetzt bloß nicht die Aufregung zeigen.

Am Tresen schaute mich mein Kollege fragend an. Er sah es in meinen Augen. Ich nickte, er nickte. Ich sagte ganz ruhig: „Alle! Sofort! Den Ophtalmologen!“  „Sooo, ich hab ne gute Idee: du legst dich da jetzt mal drauf und dann fahr ich dich mal wohin, wo wir besser sehen können!“  Die begleitende Freundin wurde nach der Telefonnummer der Eltern gefragt. Damit sie Bescheid wissen. Um mich ist eine Wolke für die nächste Viertelstunde. Papiere, Narkose, Zugang, nasse Kompressen über den Glaskörperrest … ausziehen … Abtransport.

Dann, nach all den Jahren verballerten Fingern, verbrannten Armen, zerfetzten Gliedmaßen … setzte ich mich in den Aufenthaltsraum, vor das wirklich gute Buffet … und heulte wie ein Schlosshund. Weil es so unfair war. Weil sie selbst nichts getan hatte. Weil ich wusste, dass nur noch ein Glasauge die Lösung war, weil ich nie erfahren würde, ob die kosmetischen Ergebnisse das Gesicht gut genug rekonstruieren würden, weil sie so jung war. Weil es so unfassbar unerwartet war.

Wir werden nicht klären, wer es war und warum das geschehen musste. Aber ich weiß auch für dieses Jahr, dass sich sich alle wieder in ihren ZNAs treffen werden: die Anfänger, die Aufgeregten, die „Einsatzbremsen“ und die ganz Harten. Die Könner. Die, die alles geben.

Und ich wünsche ihnen, dass sie gut reinkommen, dass sie die Nacht bekommen, die sie erwarten. Und ich wünsche ihnen, dass sie wegstecken können, was sie nicht erwarten . Und egal, ob Du, Du, Du oder Du eine Notaufnahme oder einen RTW in dieser Nacht brauchen wirst: was sie da tun, da sei Dir gewiss, das ist nicht normal.  Und Du schuldest ihnen etwas, weil Deine Geschichte sie ihr Leben lang begleiten wird. Ob Du dabei als Idiot im Pisspot vorkommst oder als Begegnung, die man nie vergisst, das liegt an Dir.


Monja Schünemanns Blog mit vielen wichtigen Beiträgen finden Sie hier. Lesen Sie das. Es könnte Ihr Denken verändern.