Ganzheitlichkeit professionell

Seit 2002 herrscht jedes Jahr im November an der Karl Franzens Universität in Graz in der Forschungsstelle für österreichisches Deutsch (ja, so was gibt es wirklich!) grosse Hektik. Denn dann wird nämlich das  österreichische Wort des jeweiligen Jahres gesucht.

2017 war das zum Beispiel „Vollholler“ (© by Christian Kern), 2016 „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“, oder 2014 „situationselastisch„. Was es heuer sein wird, wissen wir noch nicht. Aber wir hätten da schon mal einen Vorschlag für das pseudofachliche Unwort der letzten fünfzig Jahre: „Ganzheitlichkeit!“

Es nervt nämlich schon enorm, bei jedem zweiten Geschreibsel oder jeder dritten Wortmeldung irgendeines Menschen, der schon mehr als einen Ratgeber über traditionelles sibirisches Heilfasten oder vegane Kondome (ja, die gibt es auch wirklich!) gelesen hat, dieses Wort um die Ohren geschlagen zu bekommen.

Und noch mehr nervt dann die Reaktion, wenn man nachfragt, was das denn sein soll: Da klappt das Unterkiefer Richtung Erdmittelpunkt, die Augäpfel drehen sich nach rechts oben, dann kommt mal lange nichts und dann kommt die Erklärung: „Na eh alles halt!“ Tut mir leid, Leute, aber „alles“ ist zuwenig. Zuwenig definiert in jedem Fall.

Natürlich weiss ich, was gemeint ist mit dem Terminus, aber könnte man sich bitte etwas genauer ausdrücken? Zumindest im Kontext der Pflege, die noch einen halbwegs wissenschaftlichen Anspruch für sich generieren möcht. Dort gibt es nämlich für das einen sehr konkreten Fachterminus: Das biopsychosoziale Paradigma.

Was, Bitte, ist ein Paradigma?

In einfacher Sprache erklärt zunächst mal ein Beispiel, Modell oder Muster. Man könnte auch „Anschauung“ dazu sagen. Das kann auf vieles angewandt werden. Auf das Weltall zum Beispiel: Wir könnten behaupten, die Sonne wandert um die Erde und wären dann beim guten alten terrestrozentrischen Paradigma in dem die Erde im Mittelpunkt von allem steht. Wir könnten aber auch das Gegenteil sagen: Die Erde wandert um die Sonne (= heliozentrisches Paradigma). Und wenn wir im richtigen (bzw. falschen) Jahrhundert lebten, dann würden wir wie Kopernikus und Galileo für diese Aussage ernsthafte Probleme mit der katholischen Kirche bekommen.

So eine Anschauungsweise haben wir auch vom Menschen. Und die ist – welche Überraschung! – kulturabhängig. Es gibt Kulturen, die halten den Menschen für die Summe von Energieflüssen. Es gibt Kulturen, die halten ihn für das Produkt vorheriger Leben. Oder für eine Maschine. Oder – noch verrückter: Für die Krone der Schöpfung!

Die Kultur allerdings, die für uns Europäer die maßgebliche ist, nämlich die griechische, betrachtet den Menschen als Einheit zweier Teile, von welchen der eine sichtbar ist (Körper) der andere nicht (Psyche), dieser dafür aber doppelt – Thymos (Seele) und Noos (Geist).

In einfacher Sprache:

Körper – Seele – Geist.  Das kennen wir. Hat man schon gehört, eh klar. Kein Wunder, denn seit mehr als 2500 Jahren wiederholen wir das. Und glauben es, wie andere an die Wiedergeburt, die Ahnen oder den freien Markt glauben. Wir wollen aber hier keine Glaubensfragen verhandeln, sondern Fakten. Und Fakt ist, dass der Mensch einen Körper hat, des weiteren etwas, dass man als Emotionen oder Gefühle beschreibt und drittens (zumindest theoretisch) Verstand.

Körper, Seele, Geist eben. Lange dachte man, das war es schon. War es aber nur so lange, bis einer kam und sagte: „Da fehlt doch noch was! Denn wo kommen die Gedanken und Gefühle und Verhaltensweisen her? Die wurden doch irgendwann gelernt“. Und – bamm, Oida! – war da die Biographie am Plan. Mit allem was dazu gehört.

Und dann kam ein zweiter dazu und sagte: „Ja, gut, aber von wem hat man denn die Gedanken und Gefühle und Verhaltensweisen gelernt? Da war doch sicher ein anderer Mensch da, der einem das alles zeigte!“ Und – zack! –  war das soziale Umfeld da. So schnell kann’s gehen.

Und jetzt etwas komplexer:

Das biopsychosoziale Paradigma ist jene,  in unserer Kultur allgemein akzeptierte, Anschauung vom Menschen, die besagt, dass dieser

  1. aus einem Körper (Funktionalität und Vegetativität),
  2. einer Psyche (Kognitivität und Affektivität),
  3. einer persönlichen Geschichte (singulär und plural),
  4. einem sozialen Umfeld (beeinflussend und beeinflussbar) und
  5. aus den Wechselwirkungen dieser Komponenten besteht

Gut, das ist jetzt nicht ganz so einfach wie die These, dass ein Mann mit einem langen weissen Bart den Menschen aus Lehm geformt hat, oder dass wir alle einmal Ameisen waren und im nächsten Leben Ameisenbären sein werden. Aber für jemand, der von Kopernikus, Darwin und Freud nicht zu Tode gekränkt wurde, ist das bei weitem nachvollziehbarer als die „alternate facts“ aller Trumps zusammen.

Und es ist auch nützlicher in der Anwendung dessen, was uns die Esoterischen jeglicher Richtung als sogenannte Ganzheitlichkeit verkaufen wollen. Wir können durch das biopsychosoziale Modell tatsächlich einen umfassenden Blick auf das bekommen, dem unsere Zuwendung gilt und dementsprechend körperliche, psychische und soziale Reaktionen sowohl voraussagen, als auch beeinflussen.

Dazu drei Beispiele:

Erstens:

Der Autor dieses philosophisch-polemischen Exkurses ist unheilbarer Koffein-Junkie. Alle die mit dem Luksch je zu tun hatten, wissen: „Red ihn nicht vorm zweiten Kaffee an, sonst gibt’s Ärger!“ Was geht da ab?

Aufgrund einer konkreten stoffgebundenen Abhängigkeit entsteht ein körperliches Defizit (vegetativ und funktionell), das zu Störungen von affektiver (Dysphorie) und kognitiver (Konzentrationsmangel) Art führt und  mitunter Auswirkungen auf das soziale Umfeld hat, welches dann darauf so reagiert, dass es stets das benötigte Suchtmittel bereitstellt. Soweit so klar?

Zweitens:

Yvonne, die dreizehnjährige Tochter des Nachbarn, erkrankt an einer akuten Appendizitis und muss sofort ins Krankenhaus.

Eine körperliche Erkrankung, die sowohl vegetative (Fieber) wie funktionelle (schmerzhafte Bewegungseinschränkung) Symptome zeitigt, provoziert massive Angst (Affektivität), aber bei den Eltern (soziales Umfeld) den rationellen (Kognitivität) Entschluss, das Kind in Obhut von Fachmenschen zu geben.

Während des folgenden Krankenhausaufenthaltes (anderes soziales Umfeld), kommt es wiederum zu Ängsten (Affekt) , die  mit rationellen Überlegungen (Kognition) und empathischen Bezugspersonen (soziales Umfeld) minimiert werden können. Und wie die ganze Sache abläuft, wird das Denken von Kind und Eltern über Krankenhäuser und Pflegekräfte ganz besonders beeinflussen (Biographie).

Drittens:

Nach 58 Jahren Ehe verstirbt Frau Wotawas Mann plötzlich an einem Herzinfarkt.

Dies bedeutet für Frau Wotawa, dass die wichtigste Bezugsperson ihres sozialen Umfeldes mit einem Schlag wegfällt. Dieser Verlust muss zu allererst betrauert (affektiv verarbeitet) werden. Das kann dauern – im Falle so naher Bezugspersonen bis zu einem Jahr – und geht nur in Kommunikation mit anderen Menschen (soziales Umfeld).

Wird das von anderen be- oder gar verhindert, kann daraus eine Depression entstehen, eine psychische Erkrankung, mit affektiven (gedrückte Stimmung, Antriebsmangel), kognitiven (Denkverarmung, Denkeinengung), sozialen (Rückzug) und körperlichen (Appetitverlust, Obstipation, Schafstörungen) Symptomen.

Umfassendes Verständnis und Konsequenz

Konnten Sie bis hierhin folgen, verstehen Sie nun möglicherweise, was unter einer „umfassenden Anschauungsweise“ verstanden wird. Und nein: Wir reden hier definitv nicht von „ganzheitlich“, den das, was wir wahrnehmen ist nie „alles“ sondern nur ein kleiner Ausschnitt und selbst der ist unserer eigenen – beschränkten – Wahrnehmung unterworfen. Wir erkennen nur das, was wir schon kennen.

Diese Sichtweise hat, insofern wir sie ernst nehmen, natürlich ihre Konsequenzen auf unser professionelles Handeln. Also auch auf die Beurteilung der Bedürfnisse und Ressourcen der BewohnerInnen/ KlientInnen, auf unsere (Pflege-)Diagnose, auf die Methoden, die wir anwenden und auf die Art, wie wir das tun.

Das Seropram alleine heilt die Depression Frau Wotawas genauso wenig wie die Appendektomie alleine Yvonne heilt. Da gehört mehr dazu. Viel mehr. Das Kunststück vor allem der Pflege ist, zu definieren, was alles noch. So steht es ja in Ihrem Leitbild beschrieben. Eben unter dem inflationär benutzten Begriff „Ganzheitlichkeit“.

Und sogar der Luksch verliert seinen morgendlichen Grant schneller, wenn ihm der Kaffee mit einem Lächeln serviert wird.