Ein Bart allein ist zu wenig

Wissen Sie was der „Movember“ ist? Nein? Macht nichts. Wir klären Sie natürlich gerne auf: Es ist die Wortkombination aus „Moustache“ (französisch für Bart) und „November“. Denn angeblich tragen alle gesundheitsbewussten Männer im November einen Schnauzbart um andere Männer für ihr Gesundheitsverhalten zu sensibilisieren. Dieses liegt nämlich – welche Überraschung! – ziemlich im Argen.

Entstanden ist die Kampagne vor 15 Jahren in Australien mit einer ähnlichen Intention wie „Pink Ribbon“ für Brustkrebs: Es sollte auf die Gefahr von Prostatakrebs aufmerksam machen. Aber mal ehrlich: Wem unter uns echten Kerlen interessiert das wirklich?

Vorsicht! Dieses Bild kann bei Männern Panikattacken verursachen!

Die Prostata ist eine etwa kastaniengrosse exokrine Drüse hinter der Harnblase und produziert ein Sekret, dass bei der Ejakulation an die Harnröhre abgegeben wird und sich dort mit den Spermien vermischt. Für diese ist das Sekret überlebenswichtig, weil es sie zum einen widerstandsfähig gegen das saure Scheidenmilieu macht, ihnen aber auch die nötige Bewegungsfähigkeit gibt, um das Ei zu erreichen.

So weit so technisch. Kann einem als Mann interessieren, muss aber nicht. Sehr interessieren sollte Mann sich aber, wenn es darum geht, dass dieses Ding auch Krebs bekommen kann. Und zwar einen, nicht der nicht unbedingt als „sexy“ gelten kann. Denn tatsächlich ist das Prostata-CA nach Lungen- und Dickdarmkrebs die dritthäufigste Todesursache bei Männern. (Bei Frauen nicht. Ja, wissen wir. Danke.)

Die Epidemiologie des Prostata-CAs liest sich wie ein Horrorroman: Waren es 1980 noch 16.800 Neuerkrankungen, die pro Jahr alleine in Deutschland gezählt wurden, betrug diese Zahl 1995 schon mehr als das Doppelte und liegt derzeit bei rund 70.000. Die Mortalität beträgt 12.000 Tote pro Jahr bei gleichbleibender Tendenz.

Warum das hier – auf einer Website, die sich vorrangig der Geriatrie widmet, so ausführlich seinen Niederschlag findet – hat auch damit zu tun, dass die Prävalenz mit zunehmenden Alter massiv ansteigt. Kommt das Prostata-CA bei Männern unter 40 kaum vor, steigt das Risiko bis zum 80. Lebensjahr um den Faktor 1000. Acht von zehn Männern über Siebzig haben ein latentes Prostata-Ca.

Entstehung, Symptome, Verlauf

Die Ursachen sind multifaktoriell. Eine genetische Disposition gilt als gesichert, aber auch die Lebensführung ist eine Noxe – vor allem dann, wenn in der Ernährung pflanzliche Nährstoffe eher die Ausnahme sind. Auch ständig erhöhtes Testosteron sowie zuwenig Sonneneinwirkung gelten als krankheitsfördernd, während häufige Ejakulationen  vor allem in jüngeren Jahren das Prostata-Ca im Alter senken könnten.

Die wirklich blöde Geschichte beim Prostata-Ca ist die Tatsache, dass das Carcinom in frühen Stadien nahezu symptomlos ist. Fällt es auf ist das Ding schon (mitunter weit) fortgeschritten. Alarmzeichen sind vor allem Störungen der Miktion (Algurie, Dysurie, Nykturie, Hämaturie, Pollakisurie) – nichts was ein echter Mann gleich welchen Alters, gern an die grosse Glocke hängt.

Nur allzuoft sind dann die kommunizierten Beschwerden aber schon Anzeichen von Metastasierungen: Schmerzen in Wirbelsäule und Becken bis hin zu Querschnittssyndromen aber auch Lymphödeme in Beinen und Scrotum. Insgesamt sind die Knochenmetastasen dann auch die Hauptursachen für Morbidität und Mortalität.

Konsequenzen – auch für die Langzeitpflege

Um so mehr muss hier auf eine frühestmögliche Diagnostik im Sinne von Vorsorgeuntersuchungen (ab 40 zweijährig, ab 60 jährlich) geachtet werden. Die bekannteste davon ist die digital-rektale Untersuchung, vor der die meisten (älteren) Herren zwar keinen Bammel aber doch einen gewaltigen „Genierer“ haben dürften. Dabei ist diese Untersuchung, da viel zu fehlerlastig, gar nicht mehr State of the Art, sondern der Nachweis von  prostataspezifischen Antigen (PSA) im Blut sowie bildgebende Verfahren wie PET und MRT.

Während im Allgemeinen noch auf die Eigenverantwortlichkeit der werten Männlichkeit gehofft werden darf, sollte im institutionellen Kontext – insbesondere jenen der geriatrischen Langzeitpflege – schon auch seitens der medizinischen und pflegerischen Fachkräfte – die eine oder andere Erinnerung gegeben werden. Vor allem bei (unter Umständen plötzlich) auftretenden Problemen der Kontinenz.

Dass mit der „Männergeschichte“ aber auch männliche Pflegekräfte betraut werden sollten, scheint dabei ebenso logisch zu sein, wie der Umstand, das dafür das Tragen eines schicken Schnauzbartes im Monat November alleine wohl nicht wirklich ausreichend sein wird. Obwohl das natürlich eine lustige Idee bleibt.

Wer es gerne wissenschaftlicher hat, darf sich aber auch von der deutschen Krebsgesellschaft die medizinische Leitlinie Prostata-Carcinom runterladen.

Und Sie, werte Kollegen über 40 von der Pflege, gehen bitte selbst ebenfalls regelmässig zur Vorsorgeuntersuchung!