Sie oder Du – ist das eine Frage?

Letztens entspann sich zwischen dem Herausgeber des Lazarus und mir eine Diskussion, die ich in meinen 36 Berufsjahren schon oft geführt habe und die ich, wie es aussieht, auch nochmals so lange führen werde. Und zwar jene, wie Pflegekräfte ihre alt gewordenen BewohnerInnen/ KlientInnen/ PatientInnen anzureden haben.

Vorrangig ging es um den Titel eines Lazarus-Beitrages zum Thema Biographie der ursprünglich „Wer ist eigentlich dieser Luksch?“ heißen sollte, letzten Endes aber mit „Wer ist dieser Herr L?“, betitelt wurde. Ganz korrekt seine Pflichten und Rechte als Herausgeber wahrend, schlug Herr Hofer diesen Titel vor, da wir doch im Rahmen unserer Professionalität auch von unseren Schutzbefohlenen immer in der Höflichkeitsform – also von Frau Nowak und Herrn Luksch sprechen.

Damit hätte man es auch schon wieder gut sein lassen können. Dann gab es aber doch noch ein Nachspiel …

Wo er recht hat, hat er recht, der Herr Hofer, und wenngleich ich auch die Ehre habe, ihn zu duzen (und er mich) und wenngleich mir das auch gar nichts ausmacht, dass selbst meine herzallerliebste Ehegattin im trautesten Familienkreis von mir nur als „der Luksch“ redet, so ist es doch angemessen, mit Dritten über uns nur in höflicher Form zu reden. Und erst recht über unsere BewohnerInnen und KlientInnen.

Die kurze redaktionelle Abklärung über den Titel eines Fachbeitrages triggerte allerdings in meinen verqueren Gehirnwindungen einen Nachdenkprozess, dessen Inhalt nicht die Frage war: Wie reden wir von unseren Schutzbefohlenen, wenn wir über sie reden (das ist dann natürlich immer die Frau Nowak und niemals die Nowak) sondern: Wie reden wir die Frau Nowak (oder den Herrn Luksch) an, wenn wir mit ihnen reden. Sicher immer – also in jeden Fall – mit der Anrede Frau oder Herr? Oder darf es schon mal persönlich werden, etwa Grete statt Frau Nowak oder Christian statt Herr Luksch? Und wie ist das dann mit „Du“ und „Sie“? KlientInnen duzen – darf man das als Profi?

Die Brunnerin und ihr Doktor

Diese Woche hatte ein guter Freund das Vergnügen seine Mutter zum Hausarzt zu begleiten. Endlich willigte diese nämlich ein, im zarten Alter von 85 Jahren und nach einer mehrjährigen Odyssee durch die Krankenhäuser Niederösterreichs eine Patientenverfügung anfertigen zu lassen. Der Arzt, ein kompetenter und sympathischer Mittdreißiger, der die gut geführte Ordination von seinem Vater übernahm, begrüßte die alte Dame mit den Worten: „Ja da schau her, die Brunnerin verirrt sich wieder einmal zu mir. Hast du Beschwerden oder willst du mich einfach nur so ein bissl sekkieren?“

Mein Freund war dann doch einigermaßen konsterniert, aber da seine Mutter den ärztlichen Gruß mit den Worten: „Beschwerden hab ich nur, wenn du mich schlecht behandelst“ quittierte, wartete er mit der Frage, ob seiner Frau Mama diese Art der Kommunikation tatsächlich genehm sei, bis nach der Beratung und erntete dann die Antwort: „Ich kann mit meinem Doktor reden wie ich will und er redet mit mir auch so wie ich (!) will. Dich geht das gar nichts an“. Gut. Das ist Frau Brunner.

Aber das ist mehr als Frau Brunner. Das ist auch ein Stück Kultur, die typisch ist für das soziale Gefüge im Inneren des Landes, abseits der Anonymität der Großstadt, in der so etwas gar nicht gehen würde. Im sozialen Umfeld der LandbewohnerInnen regt das nicht nur keinen Menschen auf, sondern kann – ganz im Gegenteil (und das war für meinen Freund während des gesamten Gespräches zwischen dem Arzt und seiner Mutter intensiv wahrnehmbar) – ein tatsächlicher Ausdruck freundlicher Vertrautheit sein.

Ja, dürfen S‘ denn das?

Ähnliches ist oftmals auch – wieder im ländlichen Bereich – in der Langzeitpflege (sowohl von alten als auch geistig beeinträchtigten Menschen) zu beobachten. Pflegende duzen ihre Schutzbefohlenen. Da kann einem, als urbanen und sich selbst ethisch handelnd dünkenden Bildungsbürger schon mal das große Fragezeichen auf der krausen Stirn erscheinen. „Ja dürfen S‘ denn das?“ „Natürlich nicht!“ sagt mein gutes Fachgewissen. „Kommt drauf an!“ entgegnet der Zweifler in mir. „Worauf bitte?“ frage ich zurück. „Ob sie es müssen!“ sagt der Zweifler. Wie bitte? Wer muss hier wen duzen?“

Die Frage ob man jemand duzt oder nicht und wenn unter welchen Umständen dies geschieht, ist im Konkreten eine kulturelle Norm, der wir uns schon früh unterworfen haben. Halten wir diese Norm nicht ein, dann müssen wir mit Konsequenzen rechnen, die von jenen kommen, die sich diese Norm auferlegt haben. Es ist quasi ein ungeschriebenes Gesetz, das nichts desto trotz strengste Geltung hat. Und wenn wir einer solchen Gruppe angehören wollen, dann sind wir gut beraten, auch deren ungeschriebene Gesetze einzuhalten.

Wie gesagt: Es ist eine kulturelle Norm. Aus der kann sich u. U. eine institutionelle Norm, etwa in Form eines Gesetzes entwickeln, muss aber nicht zwingend. Wenn Sie am Land leben, dann wissen Sie, dass Sie nicht unbedingt Mitglied in einem der örtlichen Vereine – von der Feuerwehr bis zum Kirchenchor – sein müssen, sie wissen aber auch, dass Sie, wenn Sie es nicht tun, auch nirgends wirklich dazugehören. Ein/e Außenseiter/in bleiben. Das ist dann die Konsequenz.

Punktgenau oder komplett daneben

Wer zu duzen oder zu siezen ist, ist meist ebenfalls eine solche, ungeschriebene, kulturabhängige Norm. Kulturen selbst sind aber geographisch bedingt. Was in New York die Norm ist, kann in Purgstall ein absolutes NoGo sein. Was in Stinatz normal ist, kann für die Leute aus Wien komplett daneben sein. Man denke hier etwa an den in Tirol gängigen jedoch nie politisch gemeinten Gruß „Heil“, der in manchen Gegenden Wiens durchaus zu handfesten Schlägereien führen kann.

Kultur ist aber auch historisch bedingt. Was noch vor 50, 30, 20, ja 10 Jahren „normal“ war, kann heute schon komplett befremdlich sein. Sowohl gesellschaftlich (man stelle sich vor, 1975 wäre jemand in einer kurzen Hose ins Büro gegangen!) als auch individuell. „Ich war im Jahr 2000 als 16jährige bei fast jeder Donnerstagsdemo“, beklagte sich kürzlich eine meiner politisch engagierten Studentinnen, „und wir waren viele in meinem Alter. Jetzt gehe ich wieder. Aber ich sehe keine Jugendlichen mehr dabei!“ Na ja, vielleicht, liebe Kollegin, sind Demos für die Kids von heute eben voll „retro“!

Zurück aber zum „Sie“ und „Du“. Wenn wir unseren Gedanken, dass die Art, wie wir einen Menschen anreden, ebenso eine kulturelle Norm ist, folgen, dann wird es uns plötzlich nicht mehr seltsam vorkommen, dass im ländlichen Gebieten alte Menschen von Pflegenden geduzt werden. Weil das „Du“ dort eben Norm ist. „Sie“ sagt der Steirer nur zu den großkopferten Arroganzlern aus Wien. Und will von denen auch so angesprochen werden. Aber ja nicht von den „eigenen“ Leuten!

Und dann muss das Du eben sein …

Es sollte uns auch nicht seltsam vorkommen, wenn Pflegende ihre zeitverwirrten Schutzbefohlenen mit „du“ ansprechen. Wenn sich Frau Nowak oder der Leitner-Bauer im Rahmen ihrer Demenz selbst als Kind und die Pflegekräfte als ihre Eltern, ihre Geschwister oder ihre Schulfreunde wähnen, dann legen sie eine Norm an, die zwar nicht mehr heute, wohl aber in ihrer Zeit gültig war.

Wir, die wir im Gegensatz zu den Dementen durch die Zeiten gehen können (Naomi Feil nennt dies „die Straßenseite wechseln“) täten grundsätzlich falsch daran, auf die Einhaltung der Normen von heute zu bestehen. Frau Nowak und der Leitner-Bauer würden nicht verstehen, warum sie von ihrem Bruder oder ihrer Mutter plötzlich angesprochen werden, als seien sie „großkopferte Arroganzler“ aus Wien. Um sie affektiv zu erreichen, müssen wir auf ihrer affektiven Ebene mit ihnen sprechen. Und dann muss manchmal das Du sein!

Gleiches gilt auch im Bereich der Betreuung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Kevin hat nie Normen gelernt. Nicht weil er zu faul dazu war, sondern weil er es kognitiv nicht konnte. Deswegen wurde er in der Inklusionsklasse, in der Behinderten-WG und in der Werkstätte geduzt. Ihn jetzt zu siezen, würde er bestenfalls nicht, schlechtestenfalls missverstehen. Er ist nur über das Du erreichbar. Und damit ist das „Sie“ keine Wahl mehr, sondern das „Du“ Pflicht.

Respekt bleibt Pflicht

Dies ist allerdings kein Freibrief, alle Menschen mit Demenz oder einer kognitiver Einschränkung per se zu duzen. Die jeweilige Situation ist entscheidend. Diese muss konkretisiert, erkannt und benannt (= in der Pflegeplanung dokumentiert) sein.

Und es ist kein Freibrief, alle Menschen, die aus pflegetherapeutischen Gründen geduzt werden, zu infantilisieren. Frau Nowak ist noch immer Frau Nowak. Der Respekt vor der gewordenen Person, ihre Würde, ist immer zu wahren – auch und gerade beim Du. Besonders dort.

Mein Freund mag den Arzt seiner Mutter zwar, aber hübsch findet er ihn nicht wirklich, wie er da mit seinem Hipsterbart und dem Baseball-Kapperl in seiner Ordination sitzt. Und er würde sich auch nicht von ihm duzen lassen. Noch nicht. Seine Mutter mag das schon, denn: „Er ist ein hübscher Bub, der Simon“ sagt sie. „Mama!“, sagt mein Freund, „Er ist dein Arzt!“ „Ja“, sagt sie, „das weiß ich doch. Aber er ist trotzdem ein hübscher Bub!“. Na gut. De gustibus non est disputandum.


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Der Artikel erschien zuerst am 24. 10. 2018 auf www.lazarus.at