Geronto-Rock

Im Kielwasser des Welt-Alzheimertages wirbelte es auch jede Menge  Informationen zum Thema auf. Das meiste war Insidern ohnehin bekannt, einiges aber auch neu, vieles interessant, manches sogar nützlich. Darunter ein Mail von Gerald Milcher, seines Zeichens PDL im Haus Grillparzerstrasse  des Sozialhilfeverbandes Bruck.

Inhalt des Mails war die Information über ein Projekt der Demenz Support Stuttgart GmbH, in der die Biographien von dementen BewohnerInnen als Schlagersongs verarbeitet und in Form einer CD produziert wurden. Unsere Anstaltsleitung (aka Christian Luksch) kommentierte diese Information gewohnt lakonisch mit den Worten: „Jaja, die Steirer und ihr Hang zur Volksmusik.“ Und beließ es dabei.

Aber dann klickte jemand in der Redaktion auf den Link zu Demenz-Support Stuttgart und erlebte dort ein graues Wunder …

Im Alter muss man frech sein
Im Alter muss man frech sein

Tatsächlich haben hier ein paar sehr kreative und kompetente Köpfe etwas geschaffen, was möglicherweise dem elitären Geschmack mancher Leute (wie unserer ehrenwerten Anstaltsleitung) nur bedingt entspricht, dafür aber ein etwas breiter aufgestelltes Publikum erreicht. Aber lassen wir Demenz-Support Stuttgart selber berichten:

Unter dem Titel: „Lieder sind Freunde“ soll diese CD Menschen, die Schlager lieben, Freude bereiten und von Geschichten aus dem wahren Leben erzählen. Die Liedtexte basieren auf Erzählungen älterer Menschen mit Beeinträchtigung (z.B. Demenz) und wurden eigens für die CD gesammelt. Auf diese Weise wird für diese Gruppe ein Stück kulturelle Teilhabe umgesetzt. „Lieder sind Freunde“ zeigt, dass ältere und beeinträchtigte Menschen etwas zu sagen haben und in der Lage sind, Beiträge zu leisten – so man sie ernst nimmt.

Die künstlerische Leitung des Projektes übernahm – ehrenamtlich – Christian Bruhn, der seit den sechziger Jahren jede Menge bekannter Ohrwürmer komponierte und produzierte, wie z. B. „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder die Filmmusik zu Fernsehserien wie Heidi und Wicki. Also doch eher leichtere Kost aber dennoch in aller Ohr und Munde.

Hört man dann in die CD rein, ist erst mal alles wie erwartet: Ein bisschen was zum Schunkeln, zum Schmunzeln und zum Mitsingen. Hört man die Lieder dann ein zweites Mal und achtet auf den Text – mit dem Wissen, dass das alles tatsächlich auf Lebensgeschichten und Lebensweisheiten von altgewordenen Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen beruht, folgt dem Schunkeln doch ein gerüttelt Maß an Nachdenklichkeit.

Und dann gibts da noch zu einigen Liedern Videoclips. Und die haben es  gewaltig an sich. Zum Beispiel das hier: „Im Alter muss man frech sein“ mit der bezaubernden Sängerin Lena Weilguni und einem wirklich Super-Background-Chor aus BewohnerInnen und MitarbeiterInnen verschiedenster Einrichtungen.

Der Vollständigkeit halber muss allerdings dazu gesagt werden, dass dies nicht die erste CD-Produktion von Demenz-Support Stuttgart ist. Ihr ging bereits 2016 ein ganz ähnliches Projekt namens „Reminitenz“ voraus, in der ebenfalls die Lebensgeschichten von dementen und beeinträchtigten Menschen verarbeitet wurden. Und zwar in Form von Rythm and Blues, Rock and Roll, HipHop und Rap!

Bei dem zur „Reminitenz“ dazugehörigen Video „Ich bereue nichts“ fuhr dann sogar unserer ehrenwerten Anstaltsleitung der Rhythmus ins Tanzbein und die Tränen ins Auge. Oder um es mit Keith Richards zu sagen: „Its only Rock and Roll, but he like it!

Beide CDs sind übrigens (zu einem Spottpreis von jeweils 10,- €) über www.demenz-Support-de zu erwerben.

Die Website ist aber auch aus einem Dutzend anderen Gründen des eingehenderen Studiums wert. Und sie betreibt einen eigenen You-Tube-Videokanal namens KuKuK-TV in dem weitere tolle Kultur-Projekte mit psychisch beeinträchtigten Menschen zu finden sind.

Wir sagen: Geile Sache, Leute! Macht so weiter – rockt die Szene! (Und vielen Dank an Gerald Milcher in Kapfenberg!)

Das Seminar zum Thema Projektmanagement gibts hier.